Psychologieprofessor Dr. Cord Benecke von der Uni Kassel erforscht psychische Störungen

Psychische Störungen: Kranken fehlt oft die Selbstreflexion

Aus dem inneren Teufelskreis rauskommen: Seelisch kranken Menschen fehlen Strategien, ihr Tief zu überwinden. Archivfoto: dpa

Kassel. Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen sind anfällig für psychische Erkrankungen. Zu diesem Ergebnis kommen Untersuchungen des Kasseler Psychologieprofessors Dr. Cord Benecke. Der Wissenschaftler ist Vertreter der Psychoanalyse.

Das ist eine Richtung, die sich mit dem Zusammenhang zwischen emotionalen Erfahrungen in der Kindheit und später auftretenden psychischen Störungen beschäftigt.

Bei Störungen spielen Gefühle eine zentrale Rolle, sagt er. Risikofaktoren für eine seelische Erkrankung seien beispielsweise, dass die Eltern sehr jung sind und der Bildungsstand niedrig ist. „Wer in seiner Kindheit misshandelt, missbraucht und geschlagen worden ist, hat später ein höheres Risiko, Depressionen und Angststörungen zu entwickeln - eher als Menschen aus behüteten Elternhäusern und einer inneren Bindungssicherheit.“

Das bedeute aber nicht, dass alle in irgendeiner Form vernachlässigten Kinder psychisch krank werden müssten. Gebe es für das Kind eine positiv besetzte Bezugsperson wie Großeltern oder Nachbarn, so verringere dies die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Erkrankung. Umgekehrt können psychische Störungen ebenso in scheinbar „heilen“ Familien entstehen, weil es auf die emotionale Beziehungsqualität ankommt.

Seine Gefühlswelt in einer Balance zu halten, ist eine lebenslange Aufgabe. Traurigkeit und Angst kennt auch jeder gesunde Mensch. Das Entscheidende dabei sei, sich aus negativen emotionalen Zuständen wieder herausholen zu können, sagt der Professor. Psychisch kranke Menschen haben mit dieser sogenannten Emotionsregulierung Schwierigkeiten.

Ein Beispiel: Ein Kind lernt in der Familie, dass es nicht wütend sein darf, weil ihm sonst die Liebe entzogen wird. Im Erwachsenenleben bekommt dieser Mensch immer dann eine Panikattacke, wenn er eigentlich Aggression zeigen müsste. Aggression ist aber innerlich mit Verlustängsten gekoppelt. Um die Wut nicht erleben zu müssen, bekommt er als Erwachsener Herzrasen, starkes Schwitzen und ein Gefühl der Panik. Zwar ist die Aggression so auf den ersten Blick wie weggeblasen. Doch Panikattacken können sehr belastend sein und paaren sich oft mit Depressionen, sagt Benecke.

Wer aus solchen inneren Schemata ausbrechen und positive Strategien entwickelt, kann besser durchs Leben kommen. Dazu zählt etwa die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zum Umgang mit schwierigen Affekten. „Wenn ich diese Kernkompetenzen habe, kann ich mit belastenden Situationen produktiver umgehen und Krisen besser bewältigen“, sagt Benecke.

Stehen diese Fähigkeiten nur eingeschränkt zur Verfügung, besteht eine größere Anfälligkeit für schwerere psychische Störungen. Auch die Therapie muss sich daran anpassen und dauert dann gewöhnlich länger. Deswegen sei es für die Therapeuten immer wichtig zu wissen, auf welchem Niveau der psychischen Kernkompetenzen sich ein Patient befindet.

Von Beate Eder

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