Teurer Kinderwunsch bei Krebs - 30 Fälle im Jahr am Klinikum

Krankenkasse zahlt Krebskranker Einfrieren von Eizellen nicht

Eizellen werden in flüssigem Stickstoff schockgefrostet: Biologin Dr. Ilka Pfurr vom Kasseler Kinderwunschzentrum und der Mediziner Dr. Oswald Schmidt demonstrieren das Einfrieren von Eizellen. Archivfoto: Koch

Kassel. Brustkrebs. Anfang Februar bekam Daniela Ludwig aus Kassel diese Diagnose. Zu dem Schock kam noch eine schlechte Nachricht für die 32-Jährige: Durch die Chemotherapie könnte sie unfruchtbar werden.

Also entschied sie sich, Eizellen einfrieren zu lassen. Diese können später aufgetaut und dann befruchtet wiedereingesetzt werden. Doch die Kosten für die sogenannte Kryokonservierung - 4000 bis 5000 Euro - wollte ihre Krankenkasse, die BKK Herkules, nicht übernehmen (siehe Artikel unten).

Daniela Ludwig kann das nicht nachvollziehen. „Ich mache das doch nur, weil ich krank geworden bin.“ Wenn als Nebenwirkung der Chemotherapie die Fruchtbarkeit verloren gehe, gehöre es doch zur Behandlung dazu, dies zu verhindern, argumentiert die 32-Jährige, die als Versicherungskauffrau arbeitet und in einer festen Partnerschaft lebt. „Für mich ist es ein Unding, dass die Kasse das nicht wenigstens bezuschusst.“ Viel Zeit, um zu streiten, bleibt Patienten in solchen Fällen nicht – die Krebstherapie muss zügig beginnen. Daniela Ludwig hatte das Glück, dass Freunde und Familien für sie zusammenlegten. „Dafür bin ich unglaublich dankbar.“ Inzwischen hat sie Eizellen einfrieren lassen und unterzieht sich der Krebstherapie. Sie möchte aber auf das Problem aufmerksam machen, das viele Krebspatienten betrifft, die noch jung sind und das Thema Kinderwunsch nicht abhaken wollen.

Marc Janos Willi

Etwa 30 Krebspatienten im Jahr suchen beim Zentrum für Reproduktionsmedizin am Kasseler Klinikum Hilfe, sagt Dr. Marc Janos Willi, der auch Daniela Ludwig behandelt hat. Er vermutet, dass es noch mehr Betroffene gibt, die von ihren Ärzten auf den drohenden Verlust der Fruchtbarkeit aber gar nicht hingewiesen würden oder sich von vornherein gegen eine solche Behandlung entschieden.

Der Mediziner kann sich an keinen Fall erinnern, in dem eine Kasse die Kosten für das Einfrieren von Eizellen oder Spermien übernommen habe. „Aus unserer Sicht ist es ein Missstand, dass die Kostenfrage nicht eindeutig geklärt ist.“

In dem Paragrafen des Sozialgesetzbuchs, auf den sich die Kassen beriefen, werde die künstliche Befruchtung geregelt. Dabei gehe es aber nicht um eine Behandlung im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung. „Dabei findet in den betreffenden Fällen das Einfrieren der Eizellen oder Spermien doch ausschließlich wegen der Krebserkrankung statt - sonst säßen die Patienten nicht bei uns.“

Kein Social Freezing

Mit Lifestyle-Phänomenen wie dem sogenannten Social Freezing, bei dem Frauen Eizellen einfrieren lassen, um den Kinderwunsch zum Beispiel aus Karrieregründen bewusst nach hinten zu verlegen, habe das nichts zu tun, betont der Arzt. Die Kosten für die Behandlung lägen bei Frauen bei 4000 oder (bei vorheriger Befruchtung der Eizelle) 5000 Euro, bei Männern seien es unter 1000 Euro. „Bei den vergleichsweise geringen Patientenzahlen würde es keine Kasse ruinieren, die Kosten zu tragen“, sagt Willi. Bei den hohen Kosten für die Krebstherapie dürfte die Zusatzbehandlung kaum ins Gewicht fallen.

Kontakt zu Daniela Ludwig:  Daniela.eizellenentnahme@yahoo.de

Das sagt die Krankenkasse:

Kostenübernahme widerspricht Gesetz

Die Kosten für Gewinnung und das Einfrieren von Eizellen können von gesetzlichen Krankenkassen nicht getragen werden, teilte die Betriebskrankenkasse (BKK) Herkules auf Anfrage der HNA mit. Die Kostenübernahme einer solchen Kryokonservierung - egal aus welchen Gründen sie vorgenommen werde - sei keine Kassenleistung. „Paragraf 27a SGB V in Verbindung mit den Richtlinien über ärztliche Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung hat hier keinen Ermessensspielraum vorgesehen“, heißt es in der Stellungnahme. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) teilt mit, dass Versicherte Anspruch auf die Behandlung von Erkrankungen haben, dazu gehörten auch Leistungen zur Herstellung der Zeugungs- und Empfängnisfähigkeit, wenn diese verloren gegangen sei. Das Einfrieren der Eizellen diene aber nicht der Wiederherstellung verloren gegangener Fruchtbarkeit. Anders sei es bei der Entnahme von Eierstockgewebe, das man später reimplantieren könne, um die Empfängnisfähigkeit zu erhalten. Weil damit quasi der natürliche Zustand der Frau vor der Chemotherapie wiederhergestellt werde, sei eine Kostenübernahme möglich. Die BKK Herkules hatte sich dazu weder gegenüber der HNA noch der Patientin geäußert. (rud)

 

Hintergrund: Krebstherapie und Fruchtbarkeit

Krebserkrankungen werden in der Regel mit Chemotherapie oder Bestrahlung (Radiotherapie) behandelt. Dabei können bei Frauen die Eierstöcke und Eizellen und bei Männern die samenproduzierenden Zellen irreparabel zerstört werden. Bei einer Brustkrebserkrankung liegt das Risiko einer späteren Unfruchtbarkeit bei etwa 80 Prozent. Es gibt jedoch Methoden, um die Fruchtbarkeit zu erhalten. Bei Frauen können Eierstockgewebe oder Eizellen (unbefruchtet oder bereits mit Samen des Partners befruchtet) eingefroren werden, bei Männern Spermien oder in seltenen Fällen Hodengewebe. Nach der Genesung der Krebspatienten können die konservierten Zellen aufgetaut und zur künstlichen Befruchtung genutzt werden. (rud)

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