Gutachten des Rechtsmediziners

Krasse Fehldiagnose im Gefängnis: Janusc W. wurde brutal getötet

Kassel. Der Pole Janusc W. ist in der JVA von seinem Mithäftling Michail I. (38) mit heftiger Gewalt getötet worden. Das geht aus einem Gutachten eines Rechtsmediziners hervor. Dass ein Notarzt ursprünglich von einem natürlichen Tod gesprochen hatte, bezeichnete der Mediziner als "Fehleinschätzung".

Als Todesursache nannte Rechtsmediziner Prof. Dr. Manfred Risse am Freitag vor dem Kasseler Landgericht "massive stumpfe Gewalt gegen den Hals durch Würgen".

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Michail I. hat die Tat inzwischen gestanden. Stimmen hätten ihm befohlen, Janusc W. umzubringen. Michail I. gilt als geistesgestört. Merkwürdig in dem Zusammenhang ist, dass ein herbeigerufener Notarzt einen natürlichen Tod des herzkranken Janusz W. festgestellt hatte. Die Familie des Opfers war denn auch zunächst informiert worden, ihr Angehöriger sei in der JVA Kassel-Wehlheiden eines natürlichen Todes gestorben.

Die Diagnose des Notarztes konnte Prof. Risse nicht nachvollziehen. Schon nach einer "ersten Blickdiagnose" habe für ihn festgestanden: "Klar, das war kein Herztod". Man habe die Gewalteinwirkungen sofort sehen können. Die Obduktion ergab denn auch, dass bei Janusz W. der Kehlkopf und das Zungenbein ebenso wie eine Rippe gebrochen waren. Er hatte Hautabschürfungen und Einblutungen. An der Zunge sei teilweise die Schleimhaut abgerissen gewesen..

Die Vermutung von Prof. Risse: Der Täter müsse seinem Opfer einen Gegenstand in den Mund gestoßen haben. Beim Auffinden der Leiche floss noch immer Blut aus dem Mund, es hatte sich eine große Lache gebildet. Wie der Notarzt dennoch zu dem Urteil kommen konnte, Janusz W. sei eines natürlichen Todes gestorben? Prof. Risse: "Das war eine Fehleinschätzung, um es vorsichtig zu sagen." Allein die großflächigen Hautabschürfungen und die Prellungen am Körper seien mit "absoluter Sicherheit" sofort zu sehen gewesen. 

Eine Anstaltspsychologin der JVA Kassel sagte, als sie mit dem Angeklagten nach seiner Einlieferung gesprochen habe, sei dieser völlig ruhig und unauffällig gewesen. Er habe berichtet, dass er im Jahr 2003 im Gefängniskrankenhaus in Wehlheiden wegen psychischer Probleme behandelt worden sei. Er wolle gerne in eine Gemeinschaftszelle, was auch auf dem Transportschein der JVA Moabit, in der Michail I. vorher einsaß, vermerkt war. Den Vorschlag der JVA Moabit habe sie befürwortet, sagte die Psychologin. Nähere Informationen über Michail I. habe sie nicht gehabt. Die Akte aus Moabit sei „blank“ gewesen, in die Krankenakte von Michail I. dürfe sie als Psychologin nicht sehne. Das sei nur Ärzten erlaubt. Die Psychologin: „Ich habe alles richtig gemacht.“ Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

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