Zweitägiger Atelierrundgang zeigte große Bandbreite der Kasseler Kunst

Kasseler Kreative öffneten ihre Türen

Von Joseph Beuys inspiriert: Aliaa Abou Khaddour öffnete ihre Wohnung in der Nordstadt für Einblicke in ihre künstlerische Arbeit. Hier zeigt sie ihr Bild „7000 Oaks“.
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Von Joseph Beuys inspiriert: Aliaa Abou Khaddour öffnete ihre Wohnung in der Nordstadt für Einblicke in ihre künstlerische Arbeit. Hier zeigt sie ihr Bild „7000 Oaks“.

Es war wie eine Befreiung nach der Zwangspause: Nach anderthalb Jahren Corona-Pandemie luden am Wochenende 105 Kasseler Künstler zum Rundgang in ihre Ateliers ein.

Kassel - Viele Hunderte Kunstinteressierte pilgerten an zwei Tagen durch die Werkstätten der Kreativen, wo eine große Bandbreite des künstlerischen Schaffens sichtbar wurde.

Mancher Künstler gab bei der Gelegenheit offen zu, dass es für ihn nach der lähmenden Zeit nicht leicht war, sein Schaffen zu präsentieren. Dazu gehörte etwa Rana Matloub. Die im Irak geborene Künstlerin, die seit 20 Jahren in Kassel lebt, präsentierte im Atelierhaus Grüner Weg eine Performance mit dem Titel „The artist is not present“. Dabei verharrte sie, von den Zuschauern getrennt durch eine transparente Folie, sechs Stunden lang auf einem Sessel. Mit ihrem Projekt nahm sie Bezug zur Performance der populäre Künstlerin Marina Abramovic, die drei Monate lang im Museum of Modern Art in New York den Besuchern schweigend gegenübersaß und Blickduelle suchte.

Harrte sechs Stunden aus: Künstlerin Rana Matloub bei ihrer Performance „The artist is not present“ im Atelierhaus Grüner Weg.

Die stundenlange Starre sei ihr nicht leicht gefallen, gab Matloub anschließend zu. Einige Gäste hätten versucht, sie durch Faxen aus der Rolle zu bringen. Für die Kasselerin ist die Performance auch ein Sinnbild für die körperliche und geistige Regungslosigkeit während der Pandemie.

In Nachbarschaft zur Performance zeigte Anna Hoffmann ihre Arbeit „Marsyas“. Dem gleichnamigen Flussgott war laut griechischer Mythologie nach einem Wettstreit von Gott Apoll die Haut abgezogen worden. In der Silikon-Skulptur hat Hoffmann diese Häutung umgesetzt. Sie hat 100 Kartuschen Silikon um eine Schale modelliert und anschließend die Form – wie eine Art Negativ – nach oben gestülpt. Manchen Besucher erinnerte die Form so an ein Diabolo. „Ich habe mich schon immer für die griechische Sagenwelt interessiert“, sagt Hoffmann. Wobei es ihr nicht um die Brutalität des Aktes gegangen sei, sondern um das sich öffnen.

Griechischer Mythologie entsprungen: Anna Hoffmann (links) mit ihrem Werk „Marsyas“ aus Silikon. Matthias (von links), Mattis und Andrea Scholz sind angetan.

Hannah Meisinger, die klassische Malerei an der Kunsthochschule Kassel studiert hat, war die Arbeit mit Pinsel, Kreiden und Stiften irgendwann zu begrenzt. „Egal was du machst, es hat schon mal jemand vor dir gemacht“, sagt sie. Also lotete sie die Grenzen des Feldes aus. So inszenierte sie auf einer Leinwand ein Gemälde mithilfe einer Bettdecke und einem bedruckten Frühstücksteller. „Frühstück im Grünen“ heißt ihr Werk, das an klassische Stillleben erinnerte. Im Oktober zeigt Meisinger übrigens klassische Malerei in der Karlskirche.

Ihre privaten Wohnräume in direkter Nachbarschaft zum Polizeipräsidium öffnete die Syrerin Aliaa Abou Kaddour. Die Künstlerin und Kunsthistorikerin zeichnet, malt und illustriert. Besonders Joseph Beuys hat es ihr bei der Motivwahl angetan. 2012 hatte es die Syrerin zufällig nach Kassel verschlagen, weil ihr Mann hier Arbeit als Physiker gefunden hatte. Inzwischen illustriert sie für viele Magazine und Buchprojekte sowie für Ausstellungen der Grimmwelt. Dabei genieße sie die Freiheit, die ihr die Grimmwelt-Macher lassen, verrät sie.

Es sind diese Nähe zu den Künstlern und die persönlichen Gespräche, die den alle zwei Jahre stattfindenden Atelierrundgang auszeichnen. Daran konnten auch die Masken nichts ändern. (Bastian Ludwig)

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