Atelier- und Logierhaus dehnt sich aufs Gelände eines früheren Rotlichtbetriebes aus

Kreatives im alten Bordell

Kassel. Immer mehr wandelt sich das Schillerviertel vom Rotlicht- zum Kreativquartier. In den vergangenen Jahren haben Pitze und Elfi Eckart eine frühere Antennenfabrik an der Erzbergerstraße zu einem Atelier- und Logierhaus mit verwunschenem Charme umgewandelt.

Seit Kurzem bespielt das Paar in gleicher Weise auch ein angrenzendes Grundstück, auf dem sich viele Jahre ein Bordellbetrieb befand.

An diese Vergangenheit erinnern nur noch einzelne Relikte wie Fensterbanderolen mit der Aufschrift „Internationale Girls“. Im neuen „Foto-Motel“ – Pitze Eckart ist Fotograf – kann man ähnlich schöpferisch-skurrile und detailverliebte Interieurs bewundern wie in den benachbarten Fabrikräumen: Zu den vier Appartements dort sind vier weitere Mietquartiere an der Wolfhager Straße hinzugekommen – die meisten mit gestalterischen Bezügen zur Kasseler documenta-Kunst, Geschichte oder Nachkriegsästhetik. Bis zu zehn Zimmer sollen im alten Bordell nach und nach ausgebaut werden, berichten Pitze und Elfi Eckart.

Das neue Übernachtungsangebot werde von kulturinteressierten Gästen bereits rege nachgefragt, sagen die Betreiber. Auch zur documenta im nächsten Jahr gibt es laut Elfi Eckart schon etliche Anfragen. Theaterleute, Uni-Dozenten und andere Städtereisende aus dem Kunst- und Kreativmilieu mögen offenbar die inspirierend-legere Atmosphäre in dem Häuserblock mehr als genormten Hotelkomfort. Denn auf dem Gelände wird nicht nur übernachtet, sondern auch kreativ gearbeitet: Bisher acht Künstler haben dort Atelierräume gemietet und sorgen dafür, dass sich Besucher des Hauses in einem sich ständig wandelnden Ausstellungs- und Werkstattrefugium bewegen. Die malerisch verwilderte Garten-Wunderwelt an der Erzbergerstraße vervollständigt diesen Eindruck. Dort kann man während der warmen Jahreszeit auch in drei Wohnwagen-Oldtimern nächtigen, was laut Pitze Eckart vor allem Fahrradtouristen gern nutzen.

„Von Lotter- zu Kulturbetten“

Mit Blick auf den Zukauf an der Wolfhager Straße spricht Eckart gar nicht mal so scherzhaft von einem „Konversionsbetrieb“: Das Projekt sei es, zum Vorteil des Quartiers „aus Lotterbetten Kulturbetten zu machen“. Aus einer Zwangsversteigerung haben Eckarts das Rotlicht-Areal günstig erworben.

Was daraus im Werden ist, davon zeigte sich der kommissarische Stadtbaurat Dr. Jürgen Barthel während eines Besuchs fasziniert: „Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem Mut“, sagte Barthel dem Betreiber-Ehepaar. Das Projekt sei „höchst spannend“ und eine Bereicherung für das städtische Spektrum.

Im Gespräch mit Barthel äußerten Eckarts Sorge darüber, dass in der benachbarten Textilfabrik Brandt, für die es ebenfalls kreativwirtschaftliche Planungen gibt, „eine große Partyzone“ entstehen könne. Nächtliches Remmidemmi vertrage sich nicht mit dem Ruhebedürfnis von Logiergästen. „Wir werden uns sorgfältig ansehen, wo es Nutzungskonflikte gibt, und diese entschärfen – aber ohne den großen bürokratischen Hammer“, sagte Barthel zu. Beide Vorhaben dienten dem Strukturwandel im Quartier.

Von Axel Schwarz

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