„Ein bisschen mehr Peace als Green“

Schwerkranke Antonia aus Kassel startet Spendenaktion für Flüchtlinge - „Helft mir, etwas zu verändern“

Antonia Ringborg mit ihrem Hund Gianni
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Antonia Ringborg mit ihrem Hund Gianni: Die Kasselerin hat dazu aufgerufen, für die UN-Flüchtlingshilfe zu spenden.

Die 19 Jahre alte Antonia engagiert sich trotz Krebserkrankung für den Umweltschutz und Flüchtlinge. Jetzt hat sie zu einer Spendenkampagne aufgerufen.

Kassel – Auf Facebook hat Antonia Ringborg ein Video gepostet, in dem sie nicht lange um den heißen Brei redet: „Hallo, mein Name ist Antonia, ich bin 19 Jahre alt. Seitdem ich zwölf bin, habe ich Krebs.“

Dann ergänzt sie: „Komischerweise hat mir ausgerechnet die Krankheit gezeigt, wie gut ich es in Europa habe.“ Sie wünsche sich, dass es der ganzen Menschheit so gut gehe, sagt Antonia Ringborg in ihrem Video weiter. Die Bilder der Flüchtlinge in Osteuropa, die sie jeden Tag in den Medien sehe, machten sie sehr traurig und enttäuscht. „Jetzt habe ich einen Tumor, der nicht mehr behandelt werden kann und zu meinem Tod führen wird. Ich möchte nicht sterben mit dem Wissen, dass ich nichts verändern konnte. Darum bitte ich: Helft mir, etwas zu verändern!“

Engagement für Greenpeace und Fridays-for-Future

Antonia Ringborg redet langsam und ein wenig schleppend. Überbleibsel eines Schlaganfalls, den sie nach der ersten Hirn-OP erlitten hatte. Einen Monat lang konnte die damals Zwölfjährige nicht sprechen. Zu kommunizieren musste sie sich erst wieder erarbeiten. Sieben, acht Mal sei sie seitdem operiert worden, sagt die 19-Jährige. Sie habe aufgehört zu zählen.

Der Tumor konnte dennoch nicht besiegt werden. Jetzt sei er nicht mehr operabel. „Mir bleibt nicht mehr viel Zeit zum Leben“, sagt die junge Frau. Diese Zeit müsse sie nutzen, dazu beizutragen, die Welt etwas besser zu machen.

Seitdem der Tumor bei ihr diagnostiziert wurde, engagiert sich Antonia Ringborg mit ganzer Leidenschaft für die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Kaum eine Protestaktion gegen den Ausstoß von CO2, kaum ein Stand auf dem Königsplatz, an dem Unterschriften für den Schutz der Arktis gesammelt wurden und keine Fridays-for-Future-Demonstration in Kassel, an der die zierliche Frau im Rollstuhl nicht teilgenommen hätte. Dafür bringt sie ihre ganze Kraft auf, die sie aber langsam verlasse.

Spenden für das Flüchtlingswerk

Bevor sie krank wurde, spielte Antonia, Tochter der Musikerin Anne Ringborg und des ehemaligen Kasseler Generalmusikdirektors Patrik Ringborg, mehrere Instrumente: Trompete, Posaune, Klavier und Gitarre. Außerdem sang sie im Chor des Staatstheaters. Sie besuchte das Wilhelmsgymnasium und wollte dort Abitur machen.

Doch die Krankheit durchkreuzte alle Pläne. Musizieren, sich auf Bücher und lange Texte konzentrieren, das war nicht mehr möglich. „Von wegen Inklusion“, sagt Antonia Ringborg. Sie musste das Gymnasium verlassen – auch Mobbing habe sie in ihrer Schulzeit erlebt, „Ich war nie ein Mitläufer“, sagt sie.

Vom WG wechselte sie zunächst auf eine Förderschule. Doch da fühlte sich die intelligente Schülerin, die immer gute Noten geschrieben hatte, unterfordert. Mit einem Realschulabschluss in der Tasche beendete sie ihre Schulkarriere. Und konzentrierte sich von da an ganz auf ihr politisches Engagement bei Greenpeace, wie sie sagt.

Antonia ist über Bilder aus Flüchtlingslagern erschüttert und will helfen

„Jetzt mal ein bisschen mehr Peace als Green“, sagt sie und lacht über das Wortspiel. Die erschütternden Bilder, die sie täglich vom Leid in den Flüchtlingslagern in Südosteuropa sehe, ließen sie zurzeit einfach nicht mehr los. „Wie kann man das zulassen? Dagegen muss man doch was unternehmen.“

Deshalb hat Antonia Ringborg ihren Aufruf gestartet, um Geld zu sammeln, das dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zur Verfügung gestellt wird. Jede Minute zähle, sagt sie und weiß, wovon sie spricht. Ihre Eltern und auch ihre ältere Schwester, die Mathematik in Bonn studiert, stärken ihr den Rücken. Das tue gut.

Antonia Ringborgs Tage sind ausgefüllt mit Tun. Zwischendurch muss sie sich um ihr Malteser-Hündchen Gianni kümmern, das seit acht Jahren ihr Begleiter ist. Nichtstun sei ihr zuwider, sagt sie. Dafür sei das Leben zu kostbar.

Krebskranke Frau hat keine Angst vor dem Tod

Über den Tod hat sie ihre eigenen Überlegungen angestellt. „Sie werden lachen“, sagt sie, „aber mir hat ein Zitat aus Harry Potter total geholfen.“ Das laute: „Das Einzige, was wir an der Dunkelheit und dem Tod fürchten, ist das Ungewisse.“

Da sie früher sehr ängstlich gewesen sei, wenn es dunkel war, habe sie sich nach ihrer Entdeckung im Potter-Roman von Joanne K. Rowling bewusst immer wieder völliger Dunkelheit ausgesetzt. „Und? Es passiert: nichts. Man muss keine Angst haben“, sagt Antonia Ringborg und lächelt. „Wenn der Tod genauso ist – muss ich ihn nicht fürchten.“ (Christina Hein)

Spendenaufruf 

Seitdem Antonia Ringborg im Dezember auf ihrer Facebook-Seite zu Spenden für die Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen aufgerufen hat, sind dort bereits über 10.000 Euro eingegangen. Zurzeit ist Antonia Ringborg mit einem Anwalt dabei, in Kassel einen Unterstützerverein zu gründen. Über ihre neue Internetseite kann man sich über den Spendenaufruf informieren und spenden: antoniaringborg.de.

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