Angst vor Corona-Ausbruch

Lehrer protestieren gegen Öffnung der Grundschulen - „Wir fühlen uns wie Versuchskaninchen“

In der letzten Juni-Woche dürfen alle Grundschüler im Kreis Kassel wieder an die Schule zurück. Gegen die Corona-Lockerung regt sich Widerstand von Lehrern und Eltern. 

  • Ab 22.06.2020 sollen Grundschulen in Hessen wieder regulär öffnen
  • Lehrer aus Kassel sehen die Lockerung der Corona-Regeln skeptisch
  • In den Schulen fehlen viele Lehrer, weil sie zur Risikogruppe gehören

Kassel/Kreis Kassel– Ab dem 22.06.2020, zwei Wochen vor Beginn der Schulferien, dürfen Hessens Grundschüler für den Unterricht wieder in die Schule kommen. Das teilte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Mittwoch mit. 

Konzentration auf die Kernfächer, Unterricht im Klassenverband und kein Personalwechsel – die Grundschulen in Stadt und Kreis Kassel stehen nun vor der nächsten Herausforderung. Am Tag der Bekanntgabe der Corona-Lockerungen überwiegt die Skepsis.

„Ich bin überrascht, dass alles über den Haufen geworfen wird, was jetzt gerade mal funktioniert“, sagt Melanie Wehmeier, Leiterin der Grundschule am Stadtpark in Baunatal (Kreis Kassel). „Wir fühlen uns wie Versuchskaninchen.“ Ein Drittel des Kollegiums sei nicht einsatzbereit, mit dem bestehenden Kollegium werde der Stundenplan nicht machbar sein. 

Schulen in Kassel: Lehrer sehen Corona-Lockerungen skeptisch

Wegen Raumproblemen müsse man nun wieder auf Räume der Theodor-Heuss-Schule ausweichen. „Wie soll hier der Kontakt zu den Gesamtschülern vermieden werden?“ Wehmeier hätte vorerst eine Erweiterung der Notbetreuung gut gefunden, um Eltern zu entlasten. 

Auch Katja Heidelbach, Konrektorin der Grundschule Heckershausen im Kreis Kassel, sieht die Corona-Lockerungen kritisch. Zwar sei die Öffnung für die emotionale Seite der Kinder wichtig. Bei 100 Grundschülern könne man das Infektionsrisiko aber nicht ausblenden.

„Wir machen uns Sorgen um die Gesundheit der Kinder, der Kollegen und auch um die der Familien“, meint Katrin Endig-Rausch, Schulleiterin der Grundschule Wolfsanger/Hasenhecke. „Mein Herz freut sich, dass die Kinder zurückkommen und wieder ein Stück Normalität einkehrt. Mein Kopf dagegen ist schockiert.“

Corona: Eltern aus Kassel machen sich Sorgen über Schulöffnung 

Skepsis über die Öffnung der Schulen im Kreis Kassel trotz der anhaltenden Corona-Krise gibt es auch in der Elternschaft: Nicole Mock, Elternbeirätin der Langenbergschule in Baunatal, sagt: „Ich habe Sorge, dass so etwas wie in Göttingen passieren könnte. Dass es plötzlich viele Infizierte in einer Schule gibt.“ 

Anders sieht das Dennis Koch, Elternbeirat der Grundschule Am Heideweg in Kassel. „Es ist schön, dass es weitergeht. Bei den jetzigen Zahlen halte ich es für vertretbar.“

Zum Start der Sommerferien am 6. Juli sollen auch die Kita-Kinder in Kassel wieder in ihre Einrichtungen zurückkehren dürfen – ein gut gewählter Zeitpunkt, sagt Antje Proetel vom Dachverband freier Kindertageseinrichtungen (Dakits). 

Sie rechnet damit, dass in dieser Zeit weniger Kinder da sind, zum Beispiel, weil Eltern Urlaub haben. Das ermögliche, die Zeit als Experimentierfeld zu nutzen.

Schulen in Kassel öffnen: Lehrer protestieren gegen Corona-Lockerungen

Schulleiterin Katrin Endig-Rausch, in deren Gebäude sich auch die Kita „Kleine Stromer“ befindet, vermutet, dass die Umsetzung der Corona-Lockerungen in der Kita schwieriger zu handhaben wird als in den Schulen, wo sich die Schüler bereits an Sicherheitsvorkehrungen gewöhnt hätten.

Andreas Lecke, Elternbeirat des Kindergartens Königsfahrt in Ahnatal im Kreis Kassel, gefällt die Öffnung. „Für die Eltern ist das gut. Viele haben nicht mehr so viel Urlaub, um ihre Kinder noch lange zu Hause betreuen zu können.“ Außerdem kämen Kinder an anderer Stelle sowieso zusammen, zum Beispiel auf dem Spielplatz.

Schulen in Kassel: 15 Prozent der Lehrer gehören zur Corona-Risikogruppe

„Die Kinder sind pfiffig und haben digitale Kompetenzen, aber für das soziale Teamgefüge ist die Corona-Lockerung eine gute Entscheidung“, sagt Schulamtsleiterin Annette Knieling. Die Umsetzbarkeit sei aber abhängig von den räumlichen und personellen Bedingungen der einzelnen Schule. Eine Grundschule mit kleinem Kollegium hätte mehr Probleme, die Vorgaben einzuhalten, als eine große. 

Zumal rund 15 Prozent der Lehrkräfte weiterhin nicht im Unterricht einsetzbar sind, weil sie zur Risikogruppe gehören. Auch unter den Schulen in Stadt und Kreis Kassel gebe es Unterschiede in der Machbarkeit: Während etwa der vom Land vorgegebene, zeitlich versetzte Unterrichtsbeginn in einer städtischen Grundschule umsetzbar sei, gestalte sich das im Kreis, wo viele Schüler zu fixen Zeiten mit Bussen ankommen, schwieriger.

Schulen in Kassel in der Corona-Krise

Bereits vorher hatten Lehrer aus Kassel die Entscheidung der Hessischen Landesregierung in der Corona-Krise kritisiert. Dieses hatte weitere Lockerung der Corona-Maßnahmen in Hessen angekündigt: In Grundschulen soll ab Ende Juni ohne Sicherheitsabstand unterrichtet werden. Die GEW kritisiert das heftig.

Auch die Kinder kritisieren die Landesregierung: Nach der Corona-Pause geht die Öffnung der Schulen weiter. Zu früh, findet ein Stadtschulsprecher und äußert Kritik - auch beim Thema Homeschooling.

Die Stadt Kassel muss sich wegen der Coronakrise auf dramatische finanzielle Einbußen einstellen.

Rubriklistenbild: © Tobias Stück

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