100-jähriger Dialyse-Patient: „Man darf einfach nicht sterben“

100-jähriger Dialyse-Patient: Dreimal in der Woche wird das Blut von Franz Tretbar im Nephrologischen Zentrum Baunatal gereinigt. Foto: Konrad

Baunatal. Franz Tretbar hat vor Kurzem seinen 100. Geburtstag gefeiert. Der Naumburger ist Dialyse-Patient. Dreimal pro Woche wird im Nephrologischen Zentrum Baunatal drei Stunden lang sein Blut gereinigt, Giftstoffe werden herausgefiltert.

Meistens schläft er während der Behandlung. Und danach gehe es ihm gut, sagt er.

„Von der Dialyse abhängig zu sein, heißt nicht, dass das Leben damit zu Ende ist“, sagt Dr. Michael Burg. Franz Tretbar sei dafür das beste Beispiel. Als Nephrologe ist Burg Spezialist für Nierenerkrankungen und leitet das Baunataler Zentrum. Viele Patienten haderten mit ihrem Schicksal. Tretbar dagegen sei ein lebensfroher Mensch. Wenn er gefragt wird, wieso er so alt geworden sei, sagt er: „Man darf einfach nicht sterben.“ Seine positive Einstellung ziehe sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben, sagt seine Tochter Christine Wolffram (64).

Bis zu seinem 94. Lebensjahr lebte Tretbar noch selbstständig in seinem Haus in Bad Liebenwerda (Brandenburg). Dann zog er in ein Pflegeheim nach Naumburg, in die Nähe seiner Tochter, die in Niedenstein wohnte. Inzwischen hat sie ihr Elternhaus in Bad Liebenwerda übernommen, ihre Tochter wiederum das Haus in Niedenstein.

Wegen einer Tumorerkrankung hatte Tretbar vor einigen Jahren eine Niere verloren. „Mit zunehmendem Alter nimmt generell die Funktion der Nieren ab“, sagt Dr. Burg. Ab 45 Jahren geht es stetig bergab. Mit 95 Jahren beträgt die Nierenfunktion nur noch 40 Prozent. Irgendwann schaffen es die Nieren nicht mehr, die Giftstoffe ausreichend aus dem Blut herauszufiltern und den Körper zu entwässern. Das übernimmt dann die Dialyse.

Wegen schlechter Nierenwerte und einem hohen Blutdruck ist der 100-Jährige seit 2008 im Nephrologischen Zentrum Baunatal in Behandlung. Weil er keine Beschwerden hatte, habe zunächst kein Grund für die Dialyse bestanden, sagt Burg. Im vergangenen Jahr entschied sich Tretbar dann freiwillig dafür, weil sich sein Zustand verschlechterte.

Der gelernte Feinmechaniker und spätere Elektriker hört zwar kaum noch etwas und braucht einen Rollator zum Gehen, aber geistig ist er noch fit. „Er liest alle möglichen Bücher und interessiert sich für Politik“, erzählt seine Tochter. Auch wenn es um Veränderungen oder Reparaturen am Haus geht, gebe er noch immer seine Ratschläge. Alle drei bis vier Wochen kommt sie zu Besuch nach Naumburg, und zwei- bis dreimal in der Woche telefoniert sie mit ihrem Vater.

Burg ist insbesondere vom freundlichen Charakter des 100-Jährigen fasziniert. Es habe in all den Jahren nie ein böses Wort gegeben. Ähnlich äußert sich seine Tochter. „Er war immer ein Familienmensch, zwar streng und konsequent, aber ich hatte immer meine Freiheiten und noch nie eine Ohrfeige von ihm bekommen.“ Tretbar hat eine Enkeltochter und zwei Urenkelkinder. Seine Frau starb im Alter von 70 Jahren.

Von Mirko Konrad

Archivvideo - Dialyse: Wenn die Nieren das Blut nicht mehr waschen

 

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