DGB übt Kritik an Niedriglohnsektor

Kreis Kassel: 6460 neue Arbeitsplätze seit 2005

Kreis Kassel. Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände zieht eine positive Bilanz der Arbeitsmarktreformen des Jahres 2005. Im Landkreis Kassel seien in den vergangenen acht Jahren seit der Einführung von Hartz IV 6460 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen worden.

Im Kreis Kassel gebe es nun 93.100 Erwerbstätige, über 66.000 davon seien sozialversicherte Arbeitnehmer.

„Mehr als erfreulich“ nannte Jürgen Kümpel, Geschäftsführer der Vereinigung der Unternehmerverbände in Nordhessen, diese Entwicklung; denn nicht nur die Zahl der Stellen sei gut, sondern auch die Qualität der Beschäftigung. So sei die Anzahl der Zeitarbeitnehmer mit etwa 1100 überschaubar, sie machten nur 1,2 Prozent der Erwerbstätigen aus.

Dass mehr Teilzeit- als Vollzeitstellen neu entstanden sind, zeige, dass die Unternehmen überhaupt nur durch flexible Arbeitszeit ein Maximum an Beschäftigung anbieten könnten. Vier von fünf Teilzeitbeschäftigten wollten aus persönlichen Gründen wie Kinderbetreuung nicht Vollzeit arbeiten, so die Mitteilung der Arbeitgeber. „Nur wenn wir ausreichend viele Jobs in flexiblen Beschäftigungsformen anbieten können, erhalten alle – auch Menschen ohne Schulabschluss oder Ausbildung –, eine Chance auf Arbeit“, erklärte Kümpel.

Ganz anders beurteilen die Gewerkschaften die Situation: „Das ist noch lange kein Grund zum Jubeln“, sagte Michael Rudolph, Geschäftsführer des DGB Nordhessen, der HNA. Es sei zwar positiv, dass die Arbeitgeber Spielräume einräumen, wenn Menschen weniger arbeiten wollen. Es müsse aber auch in die andere Richtung gehen: „Es gibt viele Menschen, die mehr arbeiten wollen.“ Die Arbeitgeber müssten ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.

Dass 18.000 Menschen – 20 Prozent der Erwerbstätigen im Landkreis – geringfügig beschäftigt seien, sei nicht akzeptabel. Nur für gut die Hälfte der Beschäftigten – 48.000 von 93.100 – gebe es Vollzeitstellen. „Die Menschen brauchen sichere Arbeit, auf die sie sich verlassen und mit der sie ohne Nöte ihren Lebensunterhalt bestreiten können“, so der Gewerkschafter.

oft nicht für den Lebensunterhalt

Handlungsbedarf sehen die Unternehmer bei den 2670 Menschen, die zusätzlich zu ihrem Einkommen Arbeitslosengeld II beziehen. Die sogenannten Aufstocker machen 2,9 Prozent aller Erwerbstätigen im Landkreis Kassel aus. Drei Viertel von ihnen arbeiten in Teilzeit. „Die Jobcenter müssen teilzeitarbeitende Arbeitslosengeld-II-Bezieher auf Vollzeitarbeitsplätze vermitteln“, sagt Unternehmer-Sprecher Jürgen Kümpel. „Denn der endgültige Ausstieg aus Hartz IV gelingt mit einer Vollzeitarbeit deutlich schneller als mit einer Bagatellbeschäftigung.“ Darüber hinaus müsse der Gesetzgeber endlich dafür sorgen, dass sich für Hartz-IV-Empfänger eine Vollzeitbeschäftigung besonders lohne.

„Der Niedriglohnbereich ist zu groß“, meint Gewerkschafter Michael Rudolph. 21,6 Prozent hätten einen Bruttolohn, der unter der Niedriglohngrenze (1890 Euro brutto in Westdeutschland) liegt. „Das sind doppelt so viel wie vor 15 Jahren“, sagt Rudolph. So verdienen 10 000 Menschen im Landkreis Kassel trotz Vollzeitarbeit weniger als 1890 Euro brutto, 6200 davon sogar weniger als 1500 Euro brutto. Nur ein Teil von ihnen beanspruche Hartz-IV-Leistungen, weil der Gang zum Sozialamt vielen schwerfalle. Vor allem Frauen seien betroffen. So lägen 43 Prozent der Frauen trotz Vollzeit unter der Niedriglohngrenze. „Es ist die Pflicht der Arbeitgeber, mehr ordentlich bezahlte Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen“, meint der Gewerkschafter. (hog)

Rubriklistenbild: © dpa

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