Traditionsgaststätte in Dittershausen dicht – Erna Stäbe stand 65 Jahre hinter der Theke

Der Abschied fällt schwer

Lange Tradition: Aus dem Jahre 1934 stammt dieses Foto der Gaststätte Löwer, es zeigt eine Kirmesgesellschaft. Ganz oben im Fenster ist Wirtin Erna mit Martha Stäbe zu sehen. Ganz links steht Johannes Löwer auf der Treppe (Mitte) Heinrich Döring. Foto: privat; Repro: Büntig

Fuldabrück. „Es war immer schön, die Gäste waren alle nett“, fasst Erna Stäbe die vergangenen 65 Jahre zusammen und ergänzt traurig, dass sie sich nun erst einmal sehr einsam fühlt. Mit Schließung ihrer Gaststätte in Dittershausen ging jetzt eine Ära für sie zu Ende; es war ihr Lebenswerk.

Bereits 1872 mit einer Schankerlaubnis versehen, war die Gaststätte Johannes Löwer seit 1896 TSG Vereinslokal. „Hier war jeder willkommen, auch in kurzen Hosen oder im Trainingsanzug“, berichtet Tochter Renate Riemann. So galt die Gaststätte auch als Wohnzimmer des TSG. Im kleinen Saal wurde an Geräten geturnt, das Bier gab es in der Schankstube.

Viele Ehen entstanden

1925 wurde ein größerer Saal gebaut, dort fanden neben Turnstunden Frühlingsfeste, Theateraufführungen und Kirmesfeiern statt. Zum Bier gab es Bratwurst und belegte Brötchen.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden Flüchtlinge im Saal einquartiert. Zu dem Zeitpunkt hatte Erna Stäbe als 22-Jährige bereits die Leitung der Gaststätte übernommen, darüber hinaus kümmerte sie sich um Vieh und Landwirtschaft.

1955 heiratete Erna Stäbe, Sohn Hans und Tochter Renate wurden geboren. Als ihr Mann bereits zwei Jahre später tödlich verunglückte, blieb ihr die alleinige Verantwortung für Gaststätte und ihre beiden Kleinkinder.

Wie war das alles zu schaffen? Sicher nicht ohne Hilfe. Die kam vor allem von der benachbarten Familie Döring. Als die Cousins Heinrich Döring und Johannes Löwer in den Krieg zogen, versprachen sie sich, gegenseitig für die Familien zu sorgen, sollte einer der beiden nicht zurückkehren. Johannes fiel und Heinrich löste das Versprechen ein. Erna betont, dass es ohne diese Unterstützung sowie die Hilfe von Anna Schäfer, Marie Siebert und Erika Döring oft nicht weitergegangen wäre.

Die Gaststätte war nicht nur für Sportler und Einheimischen ein beliebtes Ziel – Fremde wurden ebenfalls herzlich begrüßt und in die Gemeinschaft aufgenommen.

„Hier sind nicht nur viele Freundschaften, sondern auch etliche Ehen entstanden“, berichtet Erna Stäbe lächelnd.

Neben dem normalen Betrieb wurden hier Geburtstage, Trauerfeiern, Hochzeiten und Konfirmationen gefeiert.

Aus gesundheitlichen Gründen übergab Erna Stäbe 1986 die Leitung an Tochter Renate und Schwiegersohn Gerhard. Trotzdem verging kein Tag, an dem sie sich nicht in der Gaststätte davon überzeugte, dass es allen gut ging.

Ein letztes Bier

Um eine Schließung 2002 zu verhindern, gründeten Bürger den Verein zur Erhaltung und Förderung der Dorfkultur – mit dem vorrangigen Ziel, die Dorfkneipe zu erhalten. Mit Unterstützung von Vereinsmitgliedern blieb an drei Wochentagen geöffnet.

Gesundheitliche Gründe und die Pflege ihrer 86-jährigen Mutter zwingen Renate Riemann nun, endgültig einen Schlussstrich zu ziehen.

Seit Bekanntgabe bis zur Schließung blieb kein Stuhl leer. „Wir gehn zum Erna“, hieß es auf nordhessisch, um ein letztes Bier zu trinken, ein letztes Gehacktesbrötchen zu verzehren, ein letztes Mal mit Erna und ihrer Familie über dies und das zu reden.

Von Sabine Büntig

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