Espenauer Kulturtage: Minnesang in der Kirche

Abschied nach der Liebesnacht

Espenau. Der vorletzte Abend der Espenauer Kulturtage galt mit dem Programm „Es stunt ein frouwe alleine - Der weibliche Blick auf die Minne“ einer Musikrichtung, die ganz und gar nicht zum gängigen Musikgeschmack zählt: dem Mittelalter.

Die über zwei Stunden des Programms in der Mönchehofer Kirche waren wohl nötig, um sich in die fremdartigen Klänge einzuhören. Den Unterhaltungswert steigerten dabei prachtvolle Gewänder, die alle Akteurinnen trugen, ein vielseitiges Instrumentarium von Flöten, Fideln, Drehleier und schnarrenden Sackpfeifen und die historischen Erläuterungen des Ensemble-Leiters Dr. Lothar Jahn.

Unterschiedliche Rollen

Der Minnesang des 12./13. Jahrhunderts bietet der Frau unterschiedliche Rollen: In der „hohen Minne“ ist sie als unerreichbare höfische Herrin die „frouwe“; Walther von der Vogelweide besingt die nichtadligen Frauen als „frouwelins“, und in den Liedern Wolfram von Eschenbachs wird gar der Abschied am Morgen nach heimlicher Liebesnacht thematisiert. Aber: All dies geschieht aus Sicht der Männer!

Lothar Jahn, Musikwissenschaftler aus Hofgeismar, hat in akribischer wissenschaftlicher Arbeit Texte zutage befördert und bearbeitet, die der erotischen Erlebniswelt der Frauen im Mittelalter gelten. Bei der Umsetzung in Gesänge mit Instrumentalbegleitung kann er auf die Vielseitigkeit seines Ensembles im Musiktheater Dingo setzen.

Beim Singen blieben entsprechend der thematischen Vorgabe die Frauen im Vordergrund: Dagmar Jahn, Katharina grote Lambers, Susanne Schmidt, Gerda Weinreich und Claudia Heidl; die Männer von Dingo - Lothar Jahn, Reinhold Schmidt, Jan-Marcus Lapp - bildeten Hintergrundchöre, wunderbar-schnarrende Drehleiertöne, Trommelschläge, die zum Mitwippen animierten und Lautenklänge als Klangteppich.

Mit der großen Zahl der Lieder gingen einher szenisch-unterhaltsame Momente, wie das zänkische Duett der Damen Margot und Maroie; köstlich Gerda Weinreichs Darstellung des gezähmten Falken, der dann doch entflog -, der gesungene Disput zwischen Mutter und Tochter: „Mütterlein, heute Deine Sinne !“ Dagmar Jahn zeigte sängerische Klasse mit dem Lied Hildegard von Bingens und ließ klösterliche Atmosphäre entstehen.

Viel Applaus

Das geduldige Publikum honorierte ein Programm, dem viel Können und Hintergrund-recherche zugrundeliegt, mit anhaltendem Applaus. Trotzdem wäre zu wünschen, dass die szenisch-unterhaltsamen Aspekte weiterentwickelt werden, damit diese lohnenden Darbietungen noch ein breiteres Publikumsinteresse finden.

Angelika Grosswiele

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