Der von Geburt an blinde Volker Riemann ist seit 41 Jahren Kirchenorganist

Er hat das absolute Gehör

Taucht ein in die Werke Bachs: Volker Riemann spielt auf der Orgel der evangelischen Kirche in Nienhagen, seinem Heimatdorf. Seit 41 Jahren ist er Organist in Nienhagen, Escherode, Nieste und Dahlheim. Fotos: Krischmann

Nieste. Die Sonne scheint in die evangelische Kirche von Nienhagen. Volker Riemann zieht die Register der Orgel und spielt eine Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bach: „Wer mir den lieben Gott lässt walten.“ Er bereitet sich auf sein Orgelspiel im Gottesdienst vor.

Voriges Jahr hatte Volker Riemann sein 40. Jubiläum als Organist. Darauf ist der nebenberufliche Kirchenmusiker zu Recht stolz. Volker Riemann ist von Geburt an blind. Trotz seiner Behinderung hat er im Laufe seines Lebens die Tür zur Welt der Musik weit aufgestoßen.

Als Junge setzte er sich zuhause in Nienhagen an das Klavier seines Vaters - um „reinzuschnuppern“, wie er sagt. Die Eltern förderten das Talent ihres Sohnes, er erhielt Klavierstunden und später Orgelunterricht.

Der heute 63-Jährige, der bis zur Rente bei der Bundesbahn in Kassel als Phonotypist seinen Lebensunterhalt verdient hatte, hat das absolute Gehör. Wenn er einen Ton hört, weiß er sofort, welcher es ist.

„Musik bedeutet mir sehr viel.“

VOLKER RIEMANN

Die Noten der Orgelwerke liest der Musiker, indem er die Blindennotenschrift mit den Fingerkuppen abtastet. Louis Braille habe nämlich nicht nur eine Punktschrift, sondern auch eine Notenschrift für Blinde erfunden, erläutert der Mann mit den dunklen Brillengläsern.

Volker Riemann übt zuhause in Nienhagen an einer Pfeifenorgel täglich zweimal – morgens und nachmittags. Wenn er die Werke großer Meister frei aus dem Gedächtnis spielen kann, dann er hat sein Ziel erreicht. Ob er Lieblingskomponisten habe? „Naja“, antwortet er, „an Bach kommt man nicht vorbei.“

Wenn Volker Riemann nicht auf einer der Orgeln in den Kirchen von Nienhagen, Escherode und Nieste sowie auf dem Elektronium in der Dahlheim Friedhofskapelle spielt, hört der Musikliebhaber zuhause auf dem CD-Player oder auf dem altmodischen Plattenspieler Musik. Opern interessieren ihn, Verdi sei sein Favorit. Als Junge sei er mit seinen Eltern nach Kassel ins Theater gegangen. Der Musikkenner ist aber auch dem Jazz nicht abgeneigt, Ella Fitzgerald beispielsweise höre er gern.

Auch an Sport interessiert

Musik bestimmt Riemanns Leben, er ist aber auch an Sport interessiert. Als Kind sei er mit seinem Vater zum KSV Hessen ins Auestadion gefahren, „das war nochmal eine ganz andere Atmosphäre“, erzählt er. Bei der Frage nach seinem Lieblingsverein gibt er sich ebenso wie nach seinem bevorzugten Komponisten diplomatisch: „Es ist besser, wenn man keinen Lieblingsverein hat.“ An Heiligabend und an den Weihnachtsfeiertagen hatte der Organist viel zu tun. Wenn andere ihre Ruhe genossen, eilte der Kirchenmusiker von Gotteshaus zu Gotteshaus. Das ist ihm keine Last, „ich bin froh“, sagt Riemann, „dass ich die Arbeit habe.“

Leitet den Kirchenchor

Volker Riemann ist vielseitig. Er spielt Orgel, leitet den Kirchenchor von Nieste und singt mit im Kantoreichor von Hann. Münden. „Musik bedeutet mir sehr viel“, sagt der Nienhäger, der bis auf die Schuljahre in Hannover und Marburg zeit seines Lebens seinem Heimatdorf am Kaufunger Wald treu geblieben ist.

Von Helmut Krischmann

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