Gemeinde plant Aberkennung

Helsa: Hitler ist noch Ehrenbürger

Einzige Quelle: In einer Chronik des Helsaer Nationalsozialisten Paul Schuhmayer fand der Geschichtsverein den Hinweis, dass Adolf Hitler am 5. April 1933 zum Ehrenbürger von Helsa gekürt wurde. Fotos: Schindler

Helsa. 68 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur ist Adolf Hitler noch immer Ehrenbürger von Helsa. Ortshistoriker wurden darauf aufmerksam. Das Parlament will nun die Auszeichung im April aberkennen.

Die Gemeinde Helsa war eine Hochburg des Nationalsozialismus. Bei den Reichstagswahlen im Mai 1924 erhielt die „Hitlerbewegung“ in Helsa fast 30 Prozent der Stimmen – ein solches Ergebnis gab es in keiner anderen Kommune im Landkreis Kassel.

Die unrühmliche Vergangenheit wirkt bis heute nach. So wurde der frühere Reichskanzler und Diktator Adolf Hitler 1933 – genauso wie Reichspräsident Paul von Hindenburg – zum Ehrenbürger von Helsa ernannt. Dies war in der Zwischenzeit in Vergessenheit geraten.

Ein Blick zurück: Die NS-Zeit hatte in Helsa bereits 1922 begonnen. Das geht aus örtlichen Unterlagen hervor, die der Geschichtsverein jetzt ausgewertet hat.

Danach hatte der örtliche Schreiner Wilhelm Koch Adolf Hitler in München reden gehört und war beeindruckt. Nach Helsa zurückgekehrt, machte Koch einen kleinen Männerkreis mit dem Nationalsozialismus vertraut. Im September 1925 gründete sich eine Ortsgruppe der NSDAP.

Bis zu 150 Mitglieder hatte die Partei in Helsa. Der berüchtigte Kasseler Rechtsanwalt Roland Freisler, der später als Vorsitzender des Volksgerichtshofs zahlreiche Widerstandskämpfer und auch die Geschwister Scholl zum Tode verurteilte, kam mehrfach nach Helsa und sprach dort im Gasthaus „König von Preußen“.

Auf die Spur Adolf Hitlers in Helsa ist Gerd Vogelsang, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, erst vor einigen Wochen gestoßen. Der Geschichtsverein hatte sich wegen der Brisanz des Themas erst nach langem Zögern entschlossen, die NS-Zeit im Ort aufzuarbeiten.

„Wir wollen keinen anschwärzen, aber das gehört zu unserer Dorfgeschichte“, sagt der 67-Jährige, der den Verein seit zwei Jahren leitet.

Seit Anfang 2012 lasen sich die ehrenamtlichen Ortshistoriker durch die umfangreichen Unterlagen und sichteten viele Fotos, um eine Broschüre über die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in Helsa zu erstellen.

Beim Aktenstudium stieß Vogelsang in einer Niederschrift des Helsaer NSDAP-Propagandaleiters Paul Schuhmayer auf den unerwarteten Hinweis: „In einer öffentlichen Sitzung der Gemeindevertretung am 5.4.1933 wurden Reichspräsident v. Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler zu Ehrenbürgern der Gemeinde Helsa ernannt.“ Vogelsang informierte den Bürgermeister und die Parteien.

Gerd Vogelsang

Die Fundstelle ist der einzige Hinweis auf die Ehrenbürgerschaft, im Protokoll der damaligen Gemeindesitzung sind die entsprechenden Seiten laut Vogelsang herausgerissen.

Über eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers nach dem Krieg sind keine Aufzeichnungen vorhanden. Man habe im Ort herumgefragt und alle Parlamentsprotokolle ab 1945 akribisch durchforstet, ohne etwas zu finden, berichtet der Geschichtsvereinsvorsitzende.

Über 4000 Orte huldigten dem „Führer“

Die meisten Kommunen nahmen Auszeichnung später zurück – Kein weiterer Fall im Altkreis

Helsa. Adolf Hitler ist von etwa 4000 Städten und Gemeinden in Deutschland zum Ehrenbürger ernannt worden. Auch die Stadt Kassel hat Hitler im Jahr 1933 die Ehrenrechte verliehen.

Obwohl die Ehrenbürgerschaft formal mit dem Tode endet, haben die meisten Kommunen die Ehrung nach dem Krieg zurückgenommen.

In Kassel hat der kommissarische Magistrat 1946 Hitlers Ehrenrechte gelöscht. Die Anfrage, ob auch das Stadtparlament diese Position bezogen hat, konnte ein Sprecher der Stadtverwaltung nicht beantworten.

In Wickenrode getilgt

Der damals selbstständige Helsaer Ortsteil Wickenrode hat Hitlers Ehrenbürgerschaft 1946 per Beschluss aufgehoben. Anders in Helsa, dort hat sich das Gemeindeparlament nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mit dem Thema beschäftigt.

Das soll nun nachgeholt werden. Eine Anfrage unserer Zeitung auch bei allen anderen Kommunen im Altkreis Kassel ergab, dass Hitler dort nirgendwo mehr Ehrenbürger ist.

Auch andere Kommunen in Deutschland haben sich erst sehr spät mit dem Thema beschäftigt. So hat der Rat von Kassels Nachbarstadt Hann. Münden dem Nazi-Diktator erst im März 2008 die Ehrenbürgerschaft aberkannt. (hog)

Hintergrund

Das Gemeindeparlament in Helsa will in seiner Sitzung im April die Ehrenbürgerrechte Adolf Hitlers aberkennen. Grundlage soll ein gemeinsamer Antrag von allen Fraktionen sein. Das wurde in einer gemeinsamen Sitzung der Fraktionsvorsitzenden so abgesprochen.

Paul von Hindenburg – Reichspräsident von 1925 bis 1934, der Hitler 1933 zum Reichskanzler berief – soll dem Vernehmen nach weiter Ehrenbürger von Helsa bleiben. (hog)

Fotos: Helsa in der Nazizeit

Nazi-Zeit in Helsa - Hitler war Ehrenbürger

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