Affäre um Haus auf Sylt: Ex-Landrat Köcher kam Kreis teuer zu stehen

Josef Köcher (1907-1997)

Dort, wo eigentlich ein Personalhaus für das Jugend- und Freizeitheim des Landkreises Kassel vorgesehen war, errichtete Landrat Josef Köcher (SPD) für sich ein Privathaus.

Der Kreis hat viel Geld an die Erben bezahlt, um das Areal bei Kampen zurückzubekommen.

Wer früher über das Gelände des Jugendseeheims auf Sylt streifte, der stand irgendwann vor einem Schild mit der Aufschrift „Privat“. Es verwehrte den Gästen der idyllisch zwischen Kampen und List gelegenen Herberge den Durchgang zu einem Haus, das man getrost als Traum-Immobilie bezeichnen kann.

Doch die Idylle in den Dünen trog: Der Bungalow mit Klinkerfassade war jahrelang politisch ein Zankapfel und eine schwere Hypothek aus der Ära des Landrats Josef „Jupp“ Köcher (SPD), der von 1951 bis zur Gebietsreform 1972 an der Spitze des damaligen Landkreises Kassel stand.

Köcher wusste die Vorzüge der Insel Sylt zu schätzen - und schreckte nicht davor zurück, sich unter fragwürdigen Bedingungen das Grundstück am Rande des Jugendseeheims zu sichern und dort seine Traum-Immobilie für die private Nutzung zu errichten. Für lächerliche 1600 Mark (820 Euro), das förderte ein Akteneinsichtsausschuss des Kreistages Ende der 1990er-Jahre zutage, hatte Köcher das 3000 Quadratmeter große Areal 1967 von der Gemeinde Lohfelden gekauft.

Ursprünglich hatte der Landkreis Kassel einen Bauantrag für das Gelände gestellt: Dabei ging es um die Errichtung eines Hauses für das Personal des Jugendseeheims. Doch Köcher ließ den Bauantrag auf seinen Namen umschreiben - und zwar mit dem Segen des Kreisausschusses.

1970 überschrieb der Landrat das Areal dann seinen beiden Kindern. Auch ein Wegerecht über das Grundstück des Jugendseeheims und den Anschluss an die Ver- und Entsorgungsleitungen sicherte sich der Landrat in Vereinbarungen mit dem Kreis. Aus dem Dünen-Grundstück wurde mit den Jahren ein Millionen-Objekt. Weil der Vertrag rechtlich nicht anfechtbar war, versuchten der Kreis und die Losinteressentenschaft Kampen, eine Gemeinschaft von Privateigentümern, in Verhandlungen mit den Köcher-Erben das Grundstück zurückzubekommen - und zwar gegen Geld.

Das ist auch gelungen. Wie die für die Heime und Freizeiteinrichtungen des Landkreises zuständige Vizelandrätin Susanne Selbert (SPD) am Freitag auf HNA-Anfrage erklären ließ, haben sich der Kreis und die Erben Köchers bereits 2005 geeinigt. Gegen die Zahlung einer „niedrigen sechsstelligen Summe“ ist das Traumhaus demnach an den Landkreis Kassel zurückgefallen.

Bei der Summe mussten die Erben angesichts des öffentlichen Drucks offenbar erhebliche Abstriche machen. Objekte dieser Art sind nach Auskunft örtlicher Makler normalerweise kaum unter einer Million Euro zu haben. Das Haus ist laut Kreissprecher Harald Kühlborn jetzt Teil des Jugendseeheims und des zwischen den Losinteressenten und dem Kreis geschlossenen Erbbaurechtsvertrags: Das Areal gehört den Losinteressenten, die Gebäude dem Landkreis. Grünes Licht für den Deal habe seinerzeit die Betriebskommission des Eigenbetriebs Jugend- und Freizeiteinrichtungen gegeben. Der Kreistag sei darüber informiert worden, nicht aber über die Kaufsumme.

Köcher werde seitens des Kreises weiterhin ein „ehrendes Andenken“ zuteil, stellte Kühlborn klar. Das Haus, in dem heute Seminare stattfinden, heißt denn auch offiziell Köcher-Haus.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.