Sie leben nur wenige Kilometer voneinander entfernt

Brüder lernen sich nach Jahrzehnten kennen

Ahnatal/Zierenberg. Brunhilde Gorschboth geriet in den letzten neun Jahren immer wieder ins Grübeln. Sollte sie das Geheimnis lüften, das sie seit dem Tod der Schwiegermutter ihrer Cousine mit sich herumtrug? Diese Frage stellte sie sich immer wieder.

Denn nach dem Todesfall stellte sich heraus, dass ihr Cousin Klaus Knippschild, Sohn der Verstorbenen, einen Halbbruder hatte, von dem keiner wusste.

Aus den Familienunterlagen der verstorbenen Hertha Jung ging hervor, dass sie neben Klaus Knippschild, der in Zierenberg lebt, einen weiteren Sohn hatte: den Ahnataler Klaus-Dieter Günther.

Lange haderte Gorschboth, die ebenfalls in Ahnatal wohnt und Günther vom Sehen kannte, diesem von dem unbekannten Bruder zu erzählen. Auch der 65-jährige Zierenberger, der ebenfalls seit 2003 von der Existenz eines Halbbruders in Ahnatal mit dem Nachnamen Günther wusste, nahm keinen Kontakt auf. „Ich habe mich nicht getraut“, sagt er rückblickend. Denn ihm war bekannt, dass Günther mit seiner leiblichen Familie abgeschlossen hatte. „Eigentlich hatte ich kein Interesse daran, deren Geschichte zu kennen“, erklärt Günther heute, der zweifacher Vater und Großvater ist.

Der 72-Jährige wurde als Säugling in ein Heim gegeben, da ihn seine Mutter vernachlässigt hatte. Im Alter von einem halben Jahr kam er zu seiner Pflegefamilie, den Günthers. Seine leibliche Mutter lernte er zwar später kennen, familiär ging es zwischen beiden aber nicht zu. Im Gegenteil, wie er heute sagt. Denn Günther wollte sich von seiner Pflegefamilie adoptieren lassen. Hertha Jung verweigerte dies aber. So wartete Klaus-Dieter Günther, bis er 21 Jahre alt und volljährig war, um über diesen Schritt selbst entscheiden zu können. Seinem leiblichen Vater ist er nie begegnet.

Klaus Knippschild wuchs zusammen mit einer Halbschwester bei seiner leiblichen Mutter in Bettenhausen auf. Besonders tragisch: Die gemeinsame Halbschwester Monika starb 2011 im Alter von 63 Jahren, bevor das Familiengeheimnis komplett gelüftet wurde.

Diese Situation ließ Brunhilde Gorschboth keine Ruhe. Sie fasste sich ein Herz und sprach Klaus-Dieter Günther an mit den Worten: „Ich muss etwas loswerden.“ Und lüftete das Geheimnis. Klaus Knippschild wollte darauf seinen Bruder unbedingt kennenlernen: „Wir werden immer älter und wer weiß, was passiert.“ Und auch Günther willigte in ein Treffen im Hause Gorschboth, quasi auf neutralem Boden, ein. Denn: „Er kann nichts für unsere Familiensituation und ich auch nicht.“

Letztlich erwiesen sich alle Bedenken als unberechtigt. Die beiden Brüder waren sich auf Anhieb sympathisch. Seitdem halten die Brüder Kontakt und telefonieren regelmäßig. Schließlich gilt es, gemeinsam 65 Jahre Lebenszeit aufzuarbeiten. Übrigens haben die Brüder eine weitere Verbindung entdeckt: Sie haben exakt die gleiche Blutgruppe und könnten sich somit im Notfall gegenseitig helfen. „Eben eine besondere Beziehung“, meinen Klaus-Dieter Günther und Klaus Knippschild.

Von Tobias Kisling und Michael Schräer

Rubriklistenbild: © Koch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.