Ahnatal: Mulchen ist verboten

Ackerrandstreifen dürfen erst ab 1. Juli gemäht werden, vorher drohen Sanktionen

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Selten geworden: Auf diesem Acker in Heckershausen blühen Kornblumen. Eine Seltenheit und ein Positivbeispiel, wie Volker Olbrich, Vorsitzender der Grünen-Fraktion Ahnatal und Fraktionskollegin Anja Käkel finden.

Ahnatal. Um die biologische Vielfalt zu erhalten, dürfen in Ahnatal seit Neuestem Acker- und Wegerandstreifen von Landwirten vor dem 1. Juli nicht mehr gemäht und gemulcht werden. Tun sie es doch, kann die Gemeinde die Pachtverträge kündigen. 

Schaut man vom Bahnhof in Heckershausen gen Süden, sieht man vor allem viel Grün. Große Ackerflächen reihen sich hier aneinander. Man könnte also meinen, Natur pur. Doch läuft man die Äcker entlang, fällt sogar dem Laien auf: Irgendetwas fehlt. Kein Summen, kein Brummen, keine lästigen Insekten stören den Spaziergang durch die Felder.

Grund dafür sind die Monokulturen, die sich hier Feld an Feld reihen. „Sobald der Raps abgeblüht ist, ist hier gähnende Leere“, sagt Anja Käkel, Mitglied der Grünen-Fraktion in Ahnatal. Um dem Insektensterben etwas entgegenzusetzen, haben die Parlamentarier in ihrer letzten Sitzung ein Blühflächenkonzept beschlossen, über das heftig gestritten wurde (HNA berichtete).

Seit dem Beschluss gilt für Ahnatal: Erst ab dem 1. Juli dürfen Landwirte Acker- und Wegerandstreifen mähen, und dann auch nur einseitig. Zudem ist das Mulchen der Flächen untersagt. Die Ackerrandstreifen an allen Wegen gehören der Gemeinde. In einem Schreiben an die Pächter von gemeindeeigenen Flächen hat die Gemeinde Anfang Juni die Pächter nun darauf hingewiesen, „jedwede Maßnahme auf diesen Flächen zu unterlassen“. Bei Zuwiderhandlung würden getroffene Pachtverträge gekündigt.

Am vergangenen Mittwoch hatte die Gemeinde zudem die betroffenen Landwirte zu einem Treffen geladen, um die Beschlüsse zu skizzieren. „Wir sind daran interessiert, eine einvernehmliche Lösung zu finden“, sagt Ortslandwirt Martin Homburg. So soll nun zum Beispiel ein Arbeitskreis ins Leben gerufen werden, an dem auch die Landwirte beteiligt werden. „Es wäre wünschenswert, wenn wir Lösungen fänden, bei denen beiden Seiten gedient ist.“

Schon im Mai und im Juni hatte ein Landwirt Wegeränder entlang seiner Äcker beidseitig gemulcht. „Es war nicht allen bekannt, dass es den Beschluss gibt, deswegen wurde teilweise noch gemäht und gemulcht“, erklärt Homburg.

Bisher sei unklar, wie die Gemeinde überwachen wolle, dass der Beschluss eingehalten werde, sagt Volker Olbrich, Fraktionsvorsitzender der Grünen. Sanktionen seien schwierig, erklärt Ahnatals Bürgermeister Michael Aufenanger (CDU) auf Anfrage. „Wir sind auf Hinweise angewiesen. Zudem fehlt uns die Erfahrung damit, was möglich ist, wir brauchen da juristische Hilfestellung.“ Die Entscheidung der Gemeindevertreter – ein Antrag der SPD- und der Grünen-Fraktionen, der ohne die Stimmen der CDU mehrheitlich beschlossen wurde – sei ein politischer gewesen. Wie die konkrete Umsetzung aussehen solle, sei dabei nicht bedacht worden.

Vor allem seien die Kosten nicht kalkuliert worden, sagt Aufenanger. Circa 14 000 Euro würde der Abtransport und die Entsorgung von 100 Tonnen Schnittgut kosten. „Der ganze Beschluss ist nur schwer umsetzbar, finanziell und personell.“

„Teuer wird es nur, wenn man es weiterhin so macht, wie bisher“, sagt Anja Käkel. Man könne doch zum Beispiel beginnen nur da zu mähen, wo es wirklich nötig sei, schlägt die Grünen-Politikerin vor, die selbst Flächen gepachtet hat. „Wenn man dann nicht mehr mäht, kommen Himbeerhecken, Weißdorn und Brombeeren ganz von alleine.“ Und mit ihnen die Insekten. „Die kann man hier bisher zählen.“

Hintergrund 

Fuhr man früher im Sommer mit dem Auto, klebten in Windeseile etliche zerplatzte Insekten auf der Windschutzscheibe. Heute sind die Windschutzscheiben länger sauber. Worüber sich Autofahrer freuen, hat einen dramatischen Hintergrund. Denn die Biomasse der Fluginsekten ist nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) mancherorts um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. „Blühstreifen sollen dieser Entwicklung entgegenwirken“, sagt Christoph de Gero von der Landschaftsplanung des Zweckverbands Raum Kassel (ZRK). Das Ziel von Blühstreifen ist der Erhalt der biologischen Vielfalt. Um die letzten Refugien für Insekten zu erhalten und neue zu schaffen, hat der Zweckverband das Projekt „Feldwege, Ränder und Säume“ initiiert. „Im Zuge dieses Projekts beraten wir die Gemeinden und versuchen mit unserer Expertise, alle Parteien auf einer sachlichen Grundlage zusammenzubringen“, erklärt Kai Georg Bachmann, Direktor des ZRK. Dabei geht es auch um die praktische Umsetzung, also welcher regional-typischer Bewuchs auf Feldwegerändern gepflanzt werden sollte und wo es zum Beispiel Fördermittel für solche Projekte gibt.

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