Seenotrettungsschiffe dürfen nicht auslaufen

Ahnatalerin rettete mit Sea-Eye im Mittelmeer Flüchtlinge

+
Typische Situation: Helfer der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye bei der Rettung von 16 Menschen aus einem Holzboot im September 2017. Inzwischen sind solche Rettungseinsätze kaum noch möglich.  

Ahnatal. Die Seenotrettungsschiffe  „Lifeline“ und „Seefuchs“ waren mehrfach in den Schlagzeilen. Auch Anna Czubayko hat mit Sea-Eye im Mittelmeer Flüchtlinge gerettet.

Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal Flüchtlingen helfen würde – direkt dort, wo sich in den letzten Monaten tausendfach Not, Verzweiflung, Angst und Tod abgespielt haben – im Mittelmehr zwischen den Küsten Libyens, Maltas und Italiens. Anna Czubayko aus Ahnatal, 27, aktuell studiert sie in Kassel, wollte ein sinnvolles Praktikum machen. Doch erlebte sie dabei auch „die hässliche Seite europäischer Abschottungspolitik“.

Frau Czubayko, inzwischen waren sie zweimal für die Regensburger Seenotrettungsorganisation Sea-Eye auf Malta. Was haben Sie da erlebt?

Anna Czubayko: Das ist kaum mit Worten zu beschreiben. Ich kannte das Flüchtlingsdrama zuvor ja nur von Bildern. All diese Schlauchboote voll mit Flüchtlingen. Auf einmal war das alles real. Das geht ordentlich an die Nieren. Alleine die Angst und Verzweiflung der Flüchtlinge in ihren Gesichtern, wenn sie auf ihren übervollen Booten nach tagelanger Irrfahrt auf dem Mittelmeer um Rettung flehen – das geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Für Sea-Eye haben sie also nicht nur logistische und organisatorische Arbeit geleistet?

Czubayko: Richtig. Ich war an insgesamt drei Rettungseinsätzen beteiligt. 143 Flüchtlingen, darunter viele unbegleitete Minderjährige und Frauen, haben wir damit das Leben retten können. Unvergessliche Momente sind das. Das war im Oktober 2017. Zuletzt war ich jetzt im Juni auf Malta für die Organisation Sea Watch. Da ging es konkret um Werftarbeiten. Doch auch dort habe ich viel vom Flüchtlingsdrama mitbekommen.

In den Medien kursierte die Nachricht, dass die beiden Schiffe der Organisation, „Seefuchs“ und „Lifeline“, angeblich ohne Zulassung unter niederländischer Flagge auf dem Mittelmeer unterwegs seien.

Czubayko: Ja. Zumindest hat das Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli so behauptet, woraufhin wir natürlich sofort den Status der Schiffe bei der zuständigen niederländischen Behörde überprüfen mussten. Dafür musste extra eine Rettungsmission vor der libyschen Küste abgebrochen werden.

Der Inhalt stammt nicht von hna.de, sondern der Videoplattform Glomex.

Hat sich der Fall geklärt?

Czubayko: Noch nicht. Auch die Niederlande zweifeln die Zulassung an, dabei ist das Zertifikat von Niederländischen Wassersportverband ausgestellt worden. Über zwei Jahre lang war dieses Zertifikat kein Problem – aber jetzt auf einmal. Das alles befindet sich jetzt in der Prüfung.

Ist das Schikane?

Czubayko: Zumindest ist das anzunehmen. Ein Schiff, auch das einer Seenotrettungsorganisation, kann ohne Zulassung jederzeit beschlagnahmt werden. Der italienische Innenminister Matteo Salvini hat das zumindest angedroht. Seither liegt die „Seefuchs“ im Hafen von Malta und kann nicht rausfahren. Die „Lifeline“ mit fast 240 Flüchtlingen an Bord durfte tagelang keinen Hafen anfahren. Eleganter kann man eine Seenotrettungsorganisation nicht davon abhalten, Flüchtlinge aufs europäische Festland zu bringen. Später haben wir erfahren, dass wegen dieser ganzen Geschichte wahrscheinlich 130 Flüchtlinge vor der libyschen Küste ertrunken sind, weil wir mit unseren Schiffen nicht vor Ort sein konnten.

Gerettete Flüchtlinge auf dem Sea-Eye-Schiff „Seefuchs“ im Oktober 2017.  

Geben Sie Italien die Schuld an diesem Drama?

Czubayko: Es ist ja nicht Italien alleine. Es ist Europa allgemein, das sich dem Flüchtlingsproblem verschließt. Kaum ein EU-Staat will doch wirklich Flüchtlinge aufnehmen. Inzwischen darf weder in Italien noch in Malta ein Schiff mit Flüchtlingen anlegen. In der Folge sind allein im Juni vermutlich 600 Flüchtlinge ertrunken, weil den Seenotrettern Steine in den Weg gelegt werden. Ich verurteile es zutiefst, dass wohl ein Gericht darüber entscheiden muss, ob es illegal ist, Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Und zugleich wird alles unternommen, um das Problem weiter nach Afrika auszulagern.

Damit sprechen Sie jetzt die EU-Militärmission Sophia vor der libyschen Küste wie auch die Themis-Operation der EU-Grenzschutzagentur Frontex an?

Czubayko: Ja. Beide EU-finanzierten Initiativen haben das Ziel, dass es die Flüchtlinge erst gar nicht über das Mittelmeer schaffen. Bei „Sophia“ ist die libysche Küstenwache involviert, die bisweilen sehr brutal mit Migranten umgeht. Das belegen Videos und Funkaufzeichnungen. Zurückgewiesene Flüchtlinge landen dann in Lagern, in denen Menschhandel, Prostitution und Folter an der Tagesordnung sind. Bei Themis geht es in erster Linie um Grenzschutz an den Außengrenzen von Europa.

Aber auch innerhalb Afrikas arbeitet die EU mit zweifelhaften Staaten wie dem Sudan zusammen. Auch hier kommt es zu Menschenrechtsverletzungen und Folter. Journalisten dürfen derzeit nicht in die Sahararegion des Sudan einreisen. Die Sahara gilt neben dem Mittelmehr als weiteres Massengrab.

Wie bewerten Sie mit Blick auf diese Hintergründe die aktuelle Flüchtlingsdebatte in Europa?

Czubayko: Ich halte sie für zynisch. In moralischer Hinsicht versagt Europa total. Für mich als Europäerin ist es kaum zu ertragen, mit ansehen zu müssen, wie Flüchtlinge von Maltesischen Rechten als „Negermüll“ beschimpft werden.

Was muss sich ändern?

Czubayko: Den Verfolgten muss die Möglichkeit gegeben werden, schon in ihren Heimatländern Asylanträge zu stellen. Auch müssen sichere Fluchtwege geschaffen werden, damit sich die Menschen nicht in Lebensgefahr begeben müssen. Die ganze europäische Abschottungspolitik führt nur zu massiven Menschenrechtsverletzungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.