Nach 100 Jahren ausgedient

Für den Frieden: Ahnataler Kirchenglocken bald im Internet 

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Klangvielfalt: Der Kasseler Künstler Udo P. Leis und Pfarrerin Ute Dilger testen die Glocken. 

Ahnatal. Ruhig streift Udo P. Leis mit den Händen über die Oberfläche der alten Glocken, die im Turm der Weimarer Kirche hängen. Mit den Fingern tippt er sie an, dann schlägt er leicht mit den Händen dagegen.

Es ist das erste Mal, dass der Kasseler Künstler den Glocken Töne entlockt. Und es ist ein erster Anklang ihrer künftigen Aufgabe.

Als Kirchenglocken haben die etwa 100 Jahre alten Glocken aus Stahl Mitte Mai ausgedient, dann bekommt die Kirchengemeinde Weimar ihre neuen Bronzeglocken. Verschrottet wird das alte Geläut aber nicht. Stattdessen wird es Bestandteil der Friedensarbeit von Leis, der die Glocken von der Kirchengemeinde gegen eine Spende übernommen hat. „Wir sind sehr glücklich, dass die Glocken weiterhin eine Aufgabe haben und weiter den Frieden verkünden werden, dass sie einen Dienst versehen, der ihrem jetzigen Dienst entspricht“, erklärt Pfarrer Thomas Dilger.

Das Interesse für alte Kirchenglocken wurde in Leis geweckt, als er vor einigen Jahren in einem Waldstück bei Kassel einige sogenannte Notglocken entdeckte. Diese kamen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Einsatz, als Ersatz für die im Krieg für die Rüstungsindustrie eingeschmolzenen Kirchenglocken. Die Notglocken wurden aus Metallresten gegossen, zum Beispiel wurden dafür auch Bombenhülsen eingeschmolzen und so der Vorgang quasi umgekehrt. Für Leis sind die Notglocken daher optimaler Ausdruck, um den Frieden kundzutun. „Alle Religionen und Menschen aus allen Ländern verstehen, was eine Glocke bedeutet“, sagt er.

Klangvielfalt: Der Kasseler Künstler Udo P. Leis und Pfarrerin Ute Dilger testen die Glocken. 

Glocken als Forschungsprojekt

Aus den Notglocken baute er die Installation noTTon, ein Glockentisch, an dem vier Glocken hängen, die von Künstlern und Besuchern bei Konzerten und Ausstellungen gespielt werden. Ihren Platz sollen nun die Weimarer Glocken einnehmen. „Die sind aufeinander abgestimmt und haben eine größere Klangvielfalt“, erklärt Leis.

Töne entlockt er den Glocken auf viele Arten. „Die Glocken sind für mich immer auch Forschungsprojekt. Ich experimentiere mit ihnen und ihrem riesigen Klangkörper“. Dazu setzt er unterschiedliche Materialien ein, zum Beispiel kleine Spieluhren oder Elektromagneten. „Das hört sich an wie Walgesänge“, erzählt der 55-Jährige.

Mit den Weimarer Glocken will Leis eine Idee verwirklichen, die ihn seit zehn Jahren bewegt. Er will die Mechanik von Nähmaschinen an den Glocken installieren. Über diese Mechanik soll eine Wippe in Gang gesetzt werden, die die Glocke schlägt und so den Klang erzeugt. Gesteuert werden sollen die Nähmaschinen elektronisch. „Dann kann man die Glocken über das Internet spielen und ein weltweites Glockenkonzert mit anderen Künstlern machen“, erklärt Leis.

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