„Wir müssen klare Kante zeigen“

Interview mit DGB-Bundesvorstand Stefan Körzell

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Waren beim Neujahrsempfang der SPD: SPD-Bundestagskandidat für den Landkreis, Timon Gremmels (von links), Stefan Körzell, geschäftsführendes DGB-Vorstandsmitglied, SPD-Vorstandsmitglied Bettina Schröder, Ortsvereinsvorsitzender Stephan Hänes, und sein Ortsvereinskollege Ewald Griesel.

Ahnatal. Die SPD sieht sich weiterhin als Anwalt für die hart arbeitenden Menschen. Das sollte der Neujahrsempfang der Sozialdemokraten in Ahnatal zeigen. Wir sprachen mit Stefan Körzell, Landesvorsitzender Hessen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und Mitglied im Bundesvorstand der Gewerkschaft. 

Herr Körzell, Sie haben viele Jahre als Gewerkschaftssekretär für den DGB in Ost- und Nordhessen gearbeitet. Nützen Ihnen diese Verbindungen vielleicht sogar bei Ihrer Arbeit als DGB-Vorstand?

Stefan Körzell: Ich lebe nach wie vor in Bad Hersfeld und treffe natürlich Kollegen und Freunde. Die Erfahrungen aus meiner Arbeit hier nutzen mir bis heute, zum Beispiel wenn es um den Strukturwandel geht. Da sind mir Entwicklung und Probleme der Region sehr präsent.

Der VW-Abgasskandal ist noch immer in den Schlagzeilen. Hat das Werk in Baunatal aus Ihrer Sicht die Krise gut gemeistert oder halten Sie diese für noch nicht ausgestanden?

Körzell: Abschließend lässt sich das noch nicht beurteilen. Richtig ist jedoch, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Der Zukunftspakt stellt sicher, dass der Standort auch zukünftig gut aufgestellt ist. In Baunatal hat sich wieder einmal eine starke Mitbestimmung bewährt. Ziel muss weiterhin die Absicherung aller Beschäftigten sein, auch der Leiharbeiter.

Generell ist die Autoindustrie im Umbruch. Die Elektromobilität könnte viele Arbeitsplätze kosten, weil immer weniger Beschäftigte benötigt werden. Hat der DGB Ideen, wie dieser Prozess für betroffene Arbeitnehmer abgefedert werden kann?

Körzell: Elektromobilität wird die Automobil- und Zulieferindustrie verändern, aber ich bin sicher, dass sich dieser Strukturwandel gestalten lässt. Daran müssen Unternehmen, Gewerkschaften und Politik gemeinsam arbeiten. Zentral ist dabei eine ordentliche Weiterbildung für die Arbeitnehmer, das gilt für die Digitalisierung insgesamt.

Die Industrie steht vor großen Umwälzungen. Sehen Sie die Digitalisierung der Arbeitswelt eher als Gefahr oder als Chance?

Körzell: Ganz klar als Chance. Aber die Arbeitnehmer müssen mitgenommen werden, Qualifikationen müssen sich in geänderten Berufsbildern wiederfinden. Wir brauchen massive Fort- und Weiterbildung. Und wir müssen gegenüber den Arbeitgebern klare Kante zeigen, dass Digitalisierung kein Vorwand ist, um Acht-Stunden-Tag und Ruhezeiten der Arbeitnehmer zu schleifen. 24/7 mag für Maschinen in Frage kommen, für Menschen nicht.

Die SPD will die Frage der sozialen Gerechtigkeit zu einem Hauptwahlkampfthema machen. Welche Hoffnungen verbinden Sie dabei mit dem neuen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, insbesondere was das Klima zwischen Gewerkschaften und den Sozialdemokraten betrifft?

Körzell: Ich will das unabhängig von der Partei formulieren: Es ist richtig und wichtig, dass Parteien der Verteilungsgerechtigkeit einen besonderen Stellenwert einräumen und dabei auch den Strukturwandel in den Regionen in den Blick nehmen – nicht nur im Wahlkampf. Die Schere zwischen Arm und Reich muss sich wieder schließen, das ist aus dem Blickfeld geraten.

Die schwarz-grüne Landesregierung bezeichnet Nordhessen gern als Boom-Region. Ist denn die Gerechtigkeitsfrage hier überhaupt ein Thema?

Körzell:  Nordhessen hat eine starke Industrie und entwickelt sich positiv, dynamischer als die Rhein-Main-Region. Auf der anderen Seite haben Menschen, die im Dienstleistungssektor arbeiten mit niedrigen Löhnen und schlechten Bedingungen zu kämpfen. Es gibt also auch hier Licht und Schatten. Aber die Gerechtigkeitsfrage stellt sich immer, auch in Boom-Regionen.

Zur Person

Stefan Körzell (54) stammt aus Wildeck-Obersuhl. Er lernte Maschinenschlosser und wurde bald Jugendvertreter in der IG Metall und DGB-Kreisjugendausschussvorsitzender in Hersfeld-Rotenburg. Ab den 90ern arbeitete er als Sekretär der DGB-Kreise Fulda und Hersfeld -Rotenburg. Ab 2001 war Körzell für zwei Jahre kommissarischer DGB-Kreisvorsitzender für Kassel und Waldeck-Schwalm-Eder. Anschließend stieg er zum DGB-Bezirksvorsitzenden von Hessen-Thüringen sowie zum Landesvorsitzenden auf. Seit Mai 2014 gehört er dem DGB-Bundesvorstand an. Körzell ist verheiratet, hat einen Sohn.

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