Angeklagter: "Musste mein Leben verteidigen"

Rentner bedrohte Bäcker mit Pistole - Verfahren wurde eingestellt

Ahnatal. Gegen die Zahlung von 1000 Euro für gemeinnützige Zwecke wird vom Amtsgericht Kassel das Verfahren gegen einen 84-jährigen Mann aus Heckershausen eingestellt.

Ihm war versuchte Nötigung und Bedrohung vorgeworfen worden.

Doch der Senior fühlte sich selbst bedroht von seinen Pächtern, die ihm Nebenkosten der Pacht für die Bäckerei in seinem Haus und den überwiegenden Teil der Kaution von 10.000 Euro schuldig seien. Mit einer Schreckschusspistole schoss der Vermieter bei einem Streit im Juni 2014 in die Decke der Bäckerei. „Das war meine einzige Rettung, sonst wäre ich heute nicht hier. Das war mein gutes Recht, mein Leben zu verteidigen“, argumentierte der Angeklagte. Wegen dessen Schwerhörigkeit musste Richterin Sabrina Müller-Krohe ihre Fragen an den stämmigen Mann mit dem deutlichen Kasseläner Dialekt oft mehrfach wiederholen. Aber an die Probleme mit seinen Pächtern konnte der Senior sich genau erinnern.

Seine gehbehinderte Ehefrau hätte Angst gehabt, dass der oft betrunkene Pächter nachts zu ihnen in die Wohnung im Obergeschoss kommen würde. Er selbst habe sich nicht mehr über den Hof getraut, weil er immer auf das Übelste beschimpft worden sei. „Aus Angst“ habe er deshalb die Pistole eingesteckt, als er die Aufstellung der Schulden in der Bäckerei abgeben wollte, schilderte der 84-Jährige vor Gericht. „Das war eine Minipistole, vier Millimeter, da können sie keinen mit totschießen“, sagte er zu seiner Verteidigung - und dass er einen Waffenbesitzschein habe.

Wie bei einem „Trommelfeuer“ habe der Pächter ihn an jenem Tag mit beiden Fäusten ins Gesicht geschlagen. Als die Pächterin auch noch die Vorplatztür hinter ihm abgeschlossen hätte, habe er mit seiner Pistole den Warnschuss in die Decke abgegeben. Dann kam die Polizei und trennte die Streithähne.

„Ich kann das menschlich nachvollziehen“, sagte Amtsanwalt Andreas Wildung zu dem Rentner, der die von seinem Großvater 1896 gegründete Traditionsbäckerei in Heckershausen selbst über 50 Jahre betrieben hatte. „Doch es war absolut der falsche Weg“, machte der Staatsanwalt deutlich, dass der Zweck nicht die Mittel heilige.

Weil er Mitglied im Roten Kreuz ist, schlug der Angeklagte vor, dass er die 1000 Euro an den hessischen Landesverband zahlt. In sechs Monaten muss der 84-Jährige überwiesen haben, sonst wird das Verfahren gegen ihn fortgesetzt. Die Pistole bekommt er nicht zurück.

Gegen den ehemaligen Pächter hat der Senior Anzeige wegen Körperverletzung und Diebstahl seiner Backmaschinen erstattet.

Von Andrea Espagne

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