Im Landkreis Kassel sind 989 Personen auf Unterstützung angewiesen

Immer mehr Rentner leben in Armut

Viele Rentner bleiben außen vor: Alte Menschen mit geringer Rente sind häufig vom sozialen Leben ausgeschlossen, weil sie nicht mobil sind und sich die Teilnahme am öffentlichen und kulturellen Leben nicht leisten können. Archivfoto: dpa

Kreis Kassel. Armut hat viele Gesichter, auch im Landkreis Kassel reicht vielen Menschen die Rente nicht zum Leben – und ihre Zahl steigt kräftig. Waren im Jahr 2008 noch 836 Menschen auf Grundsicherung angewiesen, so erhielten im Jahr 2012 bereits 989 Personen finanzielle Unterstützung vom Kreis.

In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl um 68 Prozent. 8,1 Mio. Euro musste der Kreis 2012 für die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung ausgeben. Dabei sei die jetzige Rentnergeneration in der Regel gut versorgt, sagt Karin Tietz vom Fachbereich Soziales der Kreisverwaltung – wenn der besser verdienende Ehepartner noch lebe. Schwierig sei die Situation aber schon heute vor allem für alleinstehende Frauen, die etwa wegen Kindererziehung geringe Rentenansprüche erworben haben. 66 Prozent der Rentenbezieher unter 700 Euro sind Frauen.

Ein Beispiel aus dem Landkreis Kassel: Die Rentnerin lebt in einer Kreiskommune, ist 67 Jahre alt, hat drei Kinder, sie wurde nach 25 Ehejahren geschieden, vom Ex-Mann erhält sie keine Zuwendungen. Sie war als Einzelhandelskauffrau berufstätig, ihre Rente beträgt 650 Euro und liegt damit deutlich unter der Armutsgrenze von 869 Euro.

Die 67-Jährige berichtet: „Die Arbeitskolleginnen von früher treffen sich einmal im Monat im Café. Da kann ich nicht hingehen. 10 Euro Fahrgebühren, und dann da ein Kaffee für fünf oder sechs Euro mit einem Stück Kuchen – das kann ich mir nicht erlauben. Die haben schon zweimal für mich gesammelt. Und dann schieben sie mir die 15 Euro hin – also, mir ist das so peinlich.“

Mobilität ist ein Problem

Arme alte Menschen tauchen in der Öffentlichkeit daher häufig gar nicht mehr auf – weil sie es sich nicht leisten können. Mobilität ist mit zunehmendem Alter ein Problem. Ein eigenes Auto ist zu teuer, Busse fahren auf dem flachen Land nur spärlich, nachts gar nicht. So scheitert etwa der Besuch im Theater, wenn er überhaupt finanzierbar wäre.

Die Folge: Die Betroffenen drohen zu vereinsamen. 42 Prozent der Betroffenen haben nur zu maximal zwei wichtigen Personen regelmäßig Kontakt, sieben Prozent der 65- bis 85-Jährigen geben an, dass sie überhaupt keine bedeutsamen Kontakte mehr haben. Wer körperlich dazu in der Lage ist, versucht, seine niedrige Rente aufzubessern. So hatten 1992 Rentnerinnen und Rentner im Landkreis im Jahr 2011 einen Mini-Job, um über die Runden zu kommen – gegenüber dem Jahr 2003 eine Steigerung um 40 Prozent.

Die Scham darüber, sich beim Amt finanzielle Unterstützung zu holen, ist gerade bei älteren Menschen weit verbreitet. Sozialplaner gehen von 40 Prozent der Betroffenen aus, die lieber aufs Geld vom Amt verzichten und ihre Armut in Kauf nehmen.

Immer öfter muss der Landkreis auch Menschen unterstützen, die pflegebedürftig sind und die ambulanten oder stationären Kosten allein nicht schultern können. Der Kreis hat an Hilfe zur Pflege im vergangenen Jahr 6,3 Mio. Euro gezahlt.

Von Holger Schindler

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