Anlieger geschockt

Straßensanierung: Hausbesitzer müssen höhere Beiträge zahlen

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Eckgrundstück: Das Haus von Alexander Kunz liegt an der Ecke Im Buchenhain/Sudholzstraße. Wegen der knapp sieben Meter breiten Garageneinfahrt an der Straße Im Buchenhain muss er über 7350 Euro an Straßenbeiträgen zahlen.

Fuldatal. Damit hatte Alexander Kunz nicht gerechnet. Vor einem Jahr kaufte der 57-Jährige das Haus an der Sudholzstraße in Knickhagen. Jetzt wird die Straße Im Buchenhain von Grund auf erneuert, und da die Garageneinfahrt auf knapp sieben Metern an dieser anliegt, muss Kunz 7350 Euro an Straßenbeitrag bezahlen.

Der Vorbesitzer des Hauses habe von den Sanierungsplänen nichts gesagt. Als dann Sohn und Schwiegertochter, die neben Ehefrau Ludmila ebenfalls im Haus wohnen, von der Bürgerversammlung kamen, folgte der Schock.

Der Hauskauf muss finanziert werden, die Schwiegertochter erwartet ein Kind und jetzt der zusätzliche Betrag. In einem halben Jahr wollen sie diesen abzahlen. Solange stunde die Gemeinde die Summe zinslos. „Wir müssen das schaffen“, sagt Ludmila Kunz.

Elke Freiwald muss einen Kredit aufnehmen. Auch die 48-Jährige hat ein Eckgrundstück, allerdings an der Steilen Gasse und der Straße Im Buchenhain gelegen. Mache pro Straße zwei Drittel der Grundstücksgröße als Bemessungsgrundlage oder 16.000 Euro plus etwa 5000 Euro Anschlusskosten. Zum Glück habe sie mit 556 Quadratmetern nur ein kleines Grundstück.

„Falschen Preis gesagt“

Anders als ihr 23-jähriger Sohn, der im vergangenen September den alten Hof gegenüber kaufte. Zwar wusste er, dass seine Straße saniert wird, „nur wird es jetzt doppelt so teuer, weil die Gemeinde einen falschen Preis gesagt hatte“, betont die Finanzbuchhalterin. 34.000 Euro plus Kanalanschluss - „viel Geld für einen jungen Menschen“, meint die Mutter. Da er das nicht habe, werde sie ihm finanziell helfen und für den gesamten Kredit „bis zur Rente zahlen müssen“.

Schmal und mit Gefälle von bis zu zwölf Prozent: Die Steile Gasse macht ihrem Namen alle Ehre. Hier, am unteren Ende, begannen die Arbeiten.

Geld von der Bank? „Das kriegen wir in unserem Alter nicht mehr“, sagen die 80-jährigen Hauseigentümer Anni und Erwin Rodekurth. 24.000 Euro Straßenbeitrag, „da müssen wir alles zusammenkratzen, dann sind wir blank“, sagt die Seniorin. Notwendige Arbeiten am Haus blieben auf der Strecke, und „Urlaub ist nicht mehr drin“.

Er werde Widerspruch einlegen und die Sache rechtlich prüfen lassen, sagt Erwin Rodekurth. Und zu den ursprünglich mitgeteilten niedrigeren Beiträgen: „Ich weiß nicht, wer da Mist gemacht hat oder ob das Absicht war?“

Mit 250 Quadratmetern haben „wir das kleinste Grundstück in Knickhagen“, sagt Petra Brechtken. Mit neuem Abwasseranschluss muss die Familie 10.000 Euro zahlen. Aber die Gesetzeslage sei klar, da lohne kein Rabatz. Nur die Steigerung im Straßenbeitrag sei beängstigend. „Das ist ein massiver Eingriff für alle. Die Menschen hier sind keine Großverdiener, ihr Reichtum sind ihre Häuser“, meint die 44-Jährige.

Teer im Straßenbelag trieb Kosten hoch

In der Steilen Gasse und Im Buchenhain werden 910.000 Euro in Leitungen und Fahrbahn investiert

Mitte April rollten die Baumaschinen an, begannen die Arbeiten am Kanal am unteren Ende der Straße Steile Gasse in Knickhagen. Mitte September sollen dort und in der Straße Im Hainbach die Kanäle saniert, neue Wasserleitungen verlegt und die Fahrbahnen komplett erneuert sein, sagt der zuständige Planer Reiner Franke vom Ingenieurbüro Hesse und Partner aus Kassel.

Insgesamt werden in beide Straßen 910.000 Euro investiert, wobei die Anlieger an den Kosten beteiligt werden. Die zahlen 22,20 Euro pro berechnetem Quadratmeter Grundstück statt 13 Euro, die ihnen noch vor einem Jahr mitgeteilt worden waren.

Der geringere Betrag sei nach „ersten Zahlen“ ohne Ausführungsplanung und Bodengutachten auf der Grundlage von „allgemein üblichen Preisen“ ermittelt worden, sagt Franke. Dann habe sich unter anderem herausgestellt, „dass der Belag mit Teer belastet und teuer entsorgt werden musste“ und ein kompletter Bodenaustausch erforderlich wurde.

Die tatsächlichen Baukosten wären laut Planer Franke noch höher ausgefallen, hätte man das Angebot nach erster Ausschreibung im Sommer 2012 nicht als zu teuer eingestuft und neu ausgeschrieben. Dadurch sei ein um 50.000 bis 60.000 Euro günstigeres Ergebnis erzielt worden.

In der Steilen Gasse und Im Buchenhain werden jeweils auf 150 Metern sämtliche Ver- und Entsorgungsleitungen neu verlegt, im Kanalbau der Steilen Gasse zudem vier Energieumwandlungsschächte eingebaut. In diesen Zylindern aus Kunststoff von etwa vier Meter Höhe schießt das Abwasser oben gegen die Zylinderwand und fließt im Strudel unten durch einen Auslass mit geringerer Geschwindigkeit ab. So könne das Gefälle der Straße von bis zu zwölf Prozent ausgeglichen und mehr Abwasser abgeleitet werden, als schieße es ungesteuert auf die Kanalquerung am Ende der Steilen Gasse und führe dort zum Rückstau, sagt Franke.

Hintergrund: Beitrag für Straßenbau

Die Straßen Steile Gasse und Im Buchenhain sind laut Gemeindeverwaltung reine Anliegerstraßen. Daher wird deren Neubau (ohne die Sanierungskosten für Kanal und Wasserleitungen) zu 75 Prozent auf die Eigentümer der angrenzenden Grundstücke umgelegt. Dabei spielt die Größe der Fläche eine Rolle, die erschlossen wird.

Die Bescheide über Vorausleistungen - genau wird nach Ende der Arbeiten abgerechnet - machen für die Anlieger der Steilen Gasse insgesamt 149 250 Euro aus. Im Buchenhain werden auf die Grundstückseigentümer 170 625 Euro umgelegt.

Für Eckgrundstücke, die an einer sanierten Straße liegen, gilt eine Berechnungsgrundlage von zwei Drittel des Straßenbeitrags. Grenzt das Grundstück an zwei Straßen, die saniert werden, sind zweimal zwei Drittel fällig. Pro Quadratmeter Grundstück werden in Knickhagen 22,20 Euro erhoben. Vor einem Jahr war ein Betrag von 13 Euro genannt worden.

Von Michael Schräer

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