Nach Unfall jahrelange Suche nach Job

Ungewöhnliche Bewerbung brachte Erfolg

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Geringe Sehkraft: Nach einem Arbeitsunfall, bei dem er Natronlauge ins Gesicht bekam, hat Steffen Müller ein Glasauge und auf dem zweiten nur noch 40 Prozent Sehvermögen.

Fuldatal. „Aus Jux und Tollerei kommt man bestimmt nicht dazu, eine anonyme Bewerbung abzuschicken.“ Wenn Steffen Müller (48) aus Fuldatal an seinen Arbeitsunfall vor über sieben Jahren denkt, verschwindet das sympathische Lachen aus seinem Gesicht.

„Das waren schwere Zeiten für mich und meine Familie“, sagt er. Vor allem sein Berufsleben sollte ihm einige Schwierigkeiten bereiten.

Am 15. März 2006 änderte sich das Leben der vierköpfigen Familie Müller innerhalb weniger Sekunden. Er ist Abteilungsleiter in einer Kleinfabrik für Fleischwaren in Fuldabrück. Der gelernte Metzger liebt seinen Beruf, scheut keine Überstunden und Wochenendarbeit. „Bei der Reinigung der Anlagen habe ich Natronlauge ins Gesicht bekommen.“

Nach vielen schweren Operationen und der Rehabilitation stand fest, dass er den Beruf des Metzgers nie wieder ausüben kann. „Ich habe ein Glasauge und mein zweites Auge hat eine Sehkraft von etwa 40 Prozent“, fasst Steffen Müller zusammen.

Nachdem klar ist, dass eine Zusammenarbeit mit seinem alten Arbeitgeber nicht mehr möglich ist, lässt sich Steffen Müller zum Verwaltungsfachangestellten umschulen. Nach über 40 Bewerbungen, etlichen Vorstellungsgesprächen und Absagen später macht sich mehr und mehr Frustration breit. Für Ehefrau Kerstin und die beiden Söhne Florian und Eric ist es schwer, mit anzusehen, wie schlecht es dem Ehemann und Vater geht.

Und dann stößt er eines Abends auf die Homepage der niedersächsischen Stadt Celle. „Es wurden Mitarbeiter mittels eines anonymen Bewerbungsverfahrens gesucht“, sagt er. Einige Klicks später hatte er seine Daten weitergeleitet. „Name, Adresse, Alter, Geschlecht, Konfession, Familienstand - diese Daten fielen weg. Es wurde nach Hobbys und dem Berufsweg gefragt, mehr nicht.“

Wenige Tage später bekam er eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. „Erst dann wurden die Unterlagen mit allen persönlichen Daten angefordert“, erinnert sich Steffen Müller. Dann ging alles schnell. Er gewann mit seiner offenen Art und seinem ungewöhnlichen Hobby - Stricken - die Sympathien der Vorgesetzten. Seit 2011 ist er beim Grünflächenamt der Stadt Celle als Verwaltungsfachangestellter unter Vertrag. „Im März diesen Jahres habe ich eine unbefristete Stelle bekommen.“

Nachteile sieht er in einem anonymen Bewerbungsverfahren nicht: „Für Angestellte und Arbeitgeber gibt es nur Vorteile. Die Arbeitgeber können schneller nach ihren Interessen aussortieren und Arbeitnehmer können sich ohne großen Aufwand bewerben.“

So glücklich er in Celle auch ist: Seine Familie fehlt ihm unter der Woche sehr. „Ich suche immer noch eine Arbeitsstelle in der Nähe von Kassel“, sagt er. „Vielleicht findet sich ja etwas.“

Bundesweites Pilotprojekt

Die Stadtverwaltung Celle nahm 2010/2011 an einem bundesweiten Pilotprojekt zum Verfahren der anonymen Bewerbung teil, das sich in Deutschland noch nicht etabliert hat. Durch diesen Ansatz soll eine Einladung zum Vorstellungsgespräch ausschließlich aufgrund der Qualifikation erfolgen. Bei anonymisierten Bewerbungen wird daher auf ein Foto des Bewerbers, Namen, Adresse, Geburtsdatum oder Angaben zu Alter, Familienstand oder Herkunft verzichtet. Abgesehen davon können alle üblichen Informationen abgefragt werden, wie etwa Berufserfahrung, Ausbildung, Motivation und Hobbys.

So soll die bewusste oder unbewusste Benachteiligung bestimmter Personengruppen vermindert werden. Ausgehend von guten Erfahrungen in anderen Ländern hat die unabhängige Antidiskriminierungsstelle des Bundes im November 2010 ein deutschlandweites Modellprojekt gestartet, in dem verschiedene Unternehmen, Behörden und Kommunen anonymisierte Bewerbungsverfahren testen. (pgr)

Geschichte Teil eines Buches

Die Geschichte von Steffen Müller ist Teil eines Buches geworden. Autor Rocco Thiede stellt in „Chance für alle - Anonyme Bewerbung“ Menschen vor, die über das ungewöhnliche Bewerbungsverfahren einen Job bekommen haben. (pgr)

Von Anthoula Grigoriadou

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