Konfirmationsjubilare in Oberkaufungen erinnerten sich an Jugend in der Kriegszeit

Anzug auf Bezugsschein

Wiedersehen: Robert Brehm (Gnadenkonfirmation, von links), Leni Salzmann (Kronjuwelen, 1937 konfirmiert), Gertrud Krämer, Robert Wiegand, Johanna Raabe, Heinrich Pietrzok (alle Gnadenkonfirmation) und die übrigen Jubilare in der Stiftskirche. Foto: Dilliing

Kaufungen. Die Ältesten wurden 1937 konfirmiert, manche erlebten ihre erste große kirchliche Feier mitten im oder wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: Am Sonntag feierten mehr als 70 Jubilare ihre Konfirmation vor 75 (Kronjuwelen), 70 (Gnaden), 65 (Eiserne) und 60 Jahren (Diamantene Konfirmation) in der Oberkaufunger Stiftskirche. Beim anschließenden gemütlichen Beisammensein standen bei den älteren Jubilaren oft die Erinnerungen an eine von der Kriegszeit geprägte Jugend im Mittelpunkt.

Gnadenkonfirmand Robert Brehm (84) erzählt davon, wie das Hitlerregime den Alltag in einem Dorf wie Oberkaufungen prägte. Pfarrer Junghans, der die Konfirmanden betreute, habe auf Geheiß des Ortsgruppenleiters der NSDAP in der Schule keinen Religionsunterricht geben dürfen. Den Kaufunger Kindergarten, der einzige kirchliche weit und breit, hätten die Nazis in eigene Regie übernommen.

Eine Woche vor der Konfirmationsfeier hätten er und seine Altersgenossen zur Jugendweihe unter der Hakenkreuzfahne antreten müssen, berichtet der Rentner. Im Konfirmationsunterricht habe Politik keine Rolle gespielt. „Unser Pfarrer stand über der Sache“, sagt Brehm. In den Kriegsjahren ging es streng zu. „Mädchen und Jungen mussten abwechselnd Katechismusverse auswendig aufsagen“, erzählt Gnadenkonfirmandin Gertrud Krämer. Wie ihr Altersgenosse Brehm bestätigt sie, dass es 1942 Konfirmationsanzüge und –kleider nur auf besonderen Bezugsschein gab. Große Feste gab es für die Jugendlichen nicht, es wurde im Familienkreis gefeiert.

Taschentücher als Geschenk

Als Geschenk gab es Stofftaschentücher. Essen war genug da, weil viele Kaufunger Landwirte und damit Selbstversorger waren. Größter Arbeitgeber sei damals der Stiftshof gewesen. Sie hätten als Jungen immer gebannt zugeschaut, wenn die riesige, von Pferden gezogene Dreschmaschine des Hofs durch das Dorf gefahren sei. Nach der Konfirmation begann für die Gnadenkonfirmanden sofort der Ernst des Lebens. Die Mädchen hätten ein Pflichtjahr in kinderreichen Familien oder bei Bauern ableisten müssen, erzählt Krämer. Danach fand die 84-Jährige im April 1943 eine Ausbildungsstelle als Kaufmannsgehilfin in Kassel. „Da stand die Stadt noch“, sagt Krämer. Nach dem 23. Oktober, der Bombennacht, sei ihr Lehrbetrieb am Ständeplatz, „so platt wie sonst was“ gewesen.

Johanna Raabe erlebte ebenfalls eine Kriegskatastrophe in Kassel hautnah. Während ihres Pflichtjahrs in einer Waldauer Gärtnerei bombardierten die Alliierten die Edertalsperre. Die junge Frau wurde von den Fluten, die sich in die Fulda ergossen, in Waldau eingeschlossen. „Mit Booten haben Sie uns herausgeholt“, erzählt die 84-Jährige. Robert Brehm musste seine Lehre schon nach kurzer Zeit unterbrechen. Er wurde mit 17 zur Wehrmacht eingezogen. (pdi)

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