Kreis muss immer mehr Menschen unterstützen – 36 300 Einwohner waren 2012 auf Hilfe angewiesen

Armut wächst trotz neuer Jobs

Von Armut betroffen: Viele Rentner, vor allem Frauen, können ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten. Sie sind auf Unterstützung angewiesen. Archivfoto: dpa

Kreis Kassel. Die Armut im Landkreis Kassel nimmt zu. Immer mehr Menschen in den 29 Kreiskommunen fallen unter die Armutsgrenze, die in Deutschland nach EU-Definition bei einem verfügbaren Monatseinkommen von 869 Euro für Alleinstehende liegt. Das macht der Armutsbericht deutlich, den die Kreisverwaltung zum ersten Mal herausgegeben hat. Im Jahr 2005 lag die Armutsquote noch bei 14,6 Prozent, im Jahr 2012 stieg sie auf 15,5 Prozent, berichtet Wolfgang Engelmohr, der mit einer fünfköpfigen Projektgruppe die Daten für den Armutsbericht aufbereitet hat. Das heißt: 36 300 der 234 206 Einwohner im Landkreis waren im vergangenen Jahr von Armut betroffen.

Der 60-seitige Armutsbericht liefert umfangreiche Daten über die Lebenswirklichkeit der Betroffenen: Rentner, die sich die Busfahrt in die Stadt nicht leisten können; alleinerziehende Mütter, die das Geld für den Sportverein oder den Kinobesuch ihrer Kinder nicht aufbringen können; Familien, die keine Sozialwohnung finden und daher weit aufs Land ziehen müssen, um sich ein Dach über dem Kopf leisten zu können.

Die Broschüre sei ein Leitfaden für Politiker, Sozialorganisationen und interessierte Bürger, um Armutsrisiken entgegenzutreten, sagt die stellvertretende Landrätin Susanne Selbert (SPD). „Wir müssen den Zusammenhalt stärken, um ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern.“ Es gelte, die ökonomische und soziale Teilhabe aller Bürger umzusetzen, die im Grundgesetz verankert ist. „Sonst ist der soziale Friede gefährdet.“

Der Landkreis Kassel unterstützt Bedürftige entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen in drei großen Bereichen: Hartz IV, Jugendhilfe und Sozialhilfe/Grundsicherung. Dafür sind immer größere Summen notwendig. Fast die Hälfte des 278 Millionen Euro umfassenden Kreishaushalts entfällt auf den Sozialbereich: 137 Mio. Euro. Die Kosten zur Linderung von Armut sind ein Teil davon.

27,6 Mio. gibt der Kreis in diesem Jahr für Sozialhilfe und Grundsicherung aus, 21,9 Mio. für Hartz IV, 19,6 Mio. für die Jugendhilfe.

„Die Kostenbelastung für den Landkreis ist dramatisch“, meint die Vizelandrätin, und jedes Jahr gebe es eine Kostensteigerung in Millionenhöhe.

Obwohl im Landkreis Kassel in den vergangenen acht Jahren 6460 Arbeitsplätze neu geschaffen wurden, ist die Sicherung des Familieneinkommens für immer mehr Menschen ein Problem. Denn bei 22 Prozent der Beschäftigten sei der Lohn so gering, dass sie nicht davon leben können, berichtet Engelmohr.

Immer mehr Ältere mit geringer Rente sind auf Grundsicherung angewiesen. 1721 Menschen werden deswegen unterstützt, 68 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Der Großteil davon sind Frauen.

Leben in Armut hat auch gesundheitliche Folgen. „Menschen, die den Lebensunterhalt durch eine geringfügige Beschäftigung bestreiten müssen, sind deutlich häufiger krank“, sagt Markus Heckenhahn vom Gesundheitsamt Region Kassel.

Infos: Der Armutsbericht kann im Internet auf www.landkreiskassel.de heruntergeladen werden.

In der nächsten Folge beschreiben wir die Situation von Kindern in armen Familien.

HINTERGRUND

Von Holger Schindler

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