Zehn Stunden Schule, 20 Stunden im Betrieb

Mit Kind Ausbildung schaffen: Diakonisches Werk ermöglicht Einstieg in die Lehre

Durch Teilzeitausbildung zum Wunschberuf: Tanja Gnamm wurde übernommen und organisiert jetzt Seminare für Jugendliche beim Jugendbildungswerk des Landkreises Kassel.

Kreis Kassel. Annähernd 60 Bewerbungen schrieb Tanja Gnamm, nachdem sie ihren Fachhochschulabschluss erlangt hatte. Bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz verschwieg sie nicht, dass sie eine alleinerziehende Mutter ist. Trotz ihres guten Zeugnisses zweifelten die Arbeitgeber jedoch an ihrer Belastbarkeit und Flexibilität.

Viele alleinerziehende Mütter sind in einer ähnlichen Situation wie die 31-Jährige aus Wolfhagen. Sie würden gern eine Berufsausbildung abschließen, um ein selbstständiges, von der Unterstützung der Ämter unabhängiges Leben führen zu können und damit auch ein Vorbild für ihre Kinder zu sein.

Tanja Gnamm fand Unterstützung im Projekt „Teilzeitausbildung für Alleinerziehende“, das vom Diakonischen Werk Kassel für Menschen im Landkreis angeboten wird. Die junge Mutter kam im Alter von elf Jahren aus Kirgisien nach Deutschland. Sie wiederholte die vierte Klasse der Grundschule und absolvierte mit 18 Jahren ihren Realschulabschluss. Die Ausbildung zur Bürokauffrau musste sie aufgrund ihrer Schwangerschaft nach einem halben Jahr abbrechen.

Nach drei Jahren Erziehungsurlaub qualifizierte sie sich an einer Fachhochschule für Verwaltung weiter und begann, sich um einen Ausbildungsplatz zu bewerben - zunächst ohne Erfolg.

Durch ihre Teilnahme an dem Projekt konnte sie eine Teilzeitausbildung zur Fachangestellten für Bürokommunikation beim Landkreis Kassel absolvieren und wurde übernommen. Heute organisiert sie Seminare für Jugendliche beim Jugendbildungswerk des Kreises.

„Insgesamt haben wir über das Projekt 111 Frauen in Ausbildung gebracht, von denen bislang 89 erfolgreich abgeschlossen haben.“, berichtet Claudia Krall, die das Projekt seit 2006 betreut. Mit diesem Ergebnis ist sie sehr zufrieden.

Vor allem in der schwierigen Anfangszeit bekommen die Frauen Unterstützung: Die Mitarbeiter des Projektes helfen ihnen bei der Suche nach einer geeigneten Lehrstelle und informieren die Betriebe über die Vorteile der Teilzeitausbildung. Außerdem stellen sie die Kinderbetreuung sicher, indem sie den Frauen bei der Organisation und der Finanzierung helfen.

„Ich hatte gar keine andere Wahl. Ich brauchte die Unterstützung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz und die Zeit für mein Kind“, sagt Tanja Gnamm.

Bei einer Teilzeitausbildung verbringen die Frauen pro Woche zehn Stunden in der Berufsschule, was der regulären Schulzeit entspricht, jedoch nur 20 Stunden im Betrieb. Da das Ausbildungsgehalt an die verkürzte Arbeitszeit im Betrieb angepasst wird, sind die Teilnehmerinnen auf zusätzliche Unterstützung angewiesen. Die Diakonie hilft dabei, solche Zuschüsse zu beantragen. Die Ausbildungsdauer unterscheidet sich nicht von der einer Vollzeitausbildung - einige Frauen schließen sogar früher ab.

Vorteile für die Betriebe

Wenn Claudia Krall bei Betrieben anfragt, versucht sie die Arbeitgeber von den Vorteilen der Teilzeitausbildung zu überzeugen. „Die Frauen sind in der Regel bereits älter, ungefähr 18 bis 27“, erklärt sie. Dadurch brächten sie mehr Lebenserfahrung mit und hätten oft auch schon Erfahrungen aus früheren Ausbildungen, die sie aufgrund der Schwangerschaft vorzeitig abbrechen mussten. Zudem hätten sie durch die Mutterrolle sehr gute Organisationsfähigkeiten.

Informationen: Claudia Krall, Tel. 05 61 / 982 50 70, E-Mail: Claudia.Krall@dw- kassel.de HINTERGRUND

Von Melanie Römer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.