Kaufungerin Beatrix Westphal (37) unterrichtet auf einem Kreuzfahrtschiff die Besatzung in Deutsch

„Auch das Schiff ist ein Stück Heimat“

Das schwimmende Klassenzimmer: Lehrerin Beatrix Westphal aus Kaufungen vor einem Teil ihrer Schüler auf dem Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 4“. Foto: Stöckl/nh

Kaufungen. An sich ist ihr Beruf nicht wirklich ungewöhnlich. Sie ist darauf spezialisiert, Deutsch als Fremdsprache zu lehren. Doch ihr Arbeitsplatz schlägt Wellen. Vor zwei Jahren wurde Beatrix Westphal von Kollegen aus Kassel dazu überredet, einmal auf einem Kreuzfahrtschiff anzuheuern. Seither gibt die Sprachtrainerin aus Oberkaufungen Deutschunterricht auf hoher See.

Dass die 37-Jährige eines von 1017 Crewmitgliedern an Bord der „Mein Schiff 4“ ist, sieht man ihr nicht an. Sie könnte auch als einer der 2506 Passagiere durchgehen. Als Deutschlehrerin für die internationale Mannschaft muss sie weder Uniform noch spezielle Arbeitskleidung tragen. Ein Privileg, das Beatrix Westphal sehr zu schätzen weiß. Zehn Stunden Unterricht am Tag sind für sie normal. Der kostenlose Unterricht sei für viele Mitarbeiter auf dem Schiff ein Anreiz. Etwa ein Drittel der Crew, ein bunter Mix aus 47 Nationen, würde liebend gerne Deutsch lernen. Ein viermonatiger Deutschkurs in Manila etwa koste an die 800 Dollar. Da das Beherrschen der deutschen Sprache an Bord der TUI Cruises Flotte ein Aufstiegskriterium ist, übersteigt die Nachfrage das Angebot. Auch räumlich sind die Kapazitäten an Bord begrenzt. Aktuell unterrichtet die 37-jährige Lehrerin 165 Schüler, aufgeteilt in 16 Klassen mit bis zu 13 Schülern in unterschiedlichen Niveaustufen. Vom blutigen Anfänger auf Level 1 bis zu den gut Fortgeschrittenen auf Level 5. Jede Klasse trifft sich alle drei Tage - gut abgestimmt mit dem Dienstplan - zu einer jeweils 90-minütigen Unterrichtseinheit.

Besonders feierlich geht es natürlich am Tag der Zeugnis-Verleihung auf dem Schiff zu. Wenn „Madame“ Westphal am Ende eines Kurses nach erfolgreichem Bestehen der mündlichen und schriftlichen Prüfungen das Zertifikat an ihre Schüler überreicht. „Manche weinen vor Stolz, andere drücken mir aus Freude ein Küsschen auf die Wange“, lacht die Lehrerin.

Vier bis sechs Monate arbeitet Beatrix Westphal jeweils durchgehend an Bord. Danach allerdings genießt sie festen Boden unter den Füßen und ihre eigenen vier Wände. In Oberkaufungen findet sie Ruhe und den perfekten Ausgleich: „Oberkaufungen ist für mich der schönste Ort in Nordhessen. In einem Fachwerkhaus zu leben, war mein Kindheitstraum“, sagt die gebürtige Wiesbadenerin, die seit 2010 in Nordhessen lebt.

Nach acht Wochen Landurlaub jedoch freut sie sich wieder auf ihr schwimmendes Zuhause. „Auch das Schiff ist ein Stück Heimat“, sagt die Oberkaufungerin.

Von Johanna Stöckl

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