Experten befürchten schnelle Übertragung der Seuche

Ausbreitung der Schweinepest: So bereitet sich der Landkreis Kassel vor

Wildschweine haben von milderen Wintern profitiert: Manche Experten gehen davon aus, dass durch sie das Ausbruchsrisiko der Afrikanischen Schweinepest drastisch steigt. Foto: dpa

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat Osteuropa erreicht und droht sich auf die westlichen Länder auszubreiten. Gleichzeitig haben die Wildschweine im Landkreis Kassel einen milden Winter erlebt.

Experten gehen davon aus, dass sich ihre Population dadurch deutlich vergrößert hat und sie die Seuche somit schneller übertragen könnten. Deswegen hat die hessische Umweltministerin Priska Hinz die Schonzeit für Keiler und Bachen aufgehoben, die ab 1. Februar gelten sollte. Doch wie groß ist die Gefahr wirklich, dass die Pest kommt und Wildschweine sie übertragen? Und wie wappnen sich Landkreis, Jäger und Landwirte gegen die ASP? Wir haben nachgefragt.

Der Landkreis Kassel

„Das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) bewertet die Gefahr für alle deutschen Landkreise als hoch“, sagt Landkreissprecher Harald Kühlborn. Diese Einschätzung basiere vor allem auf neuen Übertragungsfällen in der Tschechischen Republik und in Polen.

Die ASP könne durch den Fahrzeug- und Personenverkehr, aber insbesondere durch Wildschweine in Hessen und dem Landkreis eingeführt und verbreitet werden. Zusätzlich habe das Virus in der Vergangenheit Sprünge von mehreren hundert Kilometern gemacht.

Deswegen verstärke der Landkreis Kassel Vorbeuge- und Früherkennungsmaßnahmen. Das heißt konkret: Das Veterinäramt des Landkreises lasse laut Kühlborn unter anderem Blutproben von Wildschweinen nehmen, überprüfe verstärkt Freiland- und Auslaufschweinehaltungen und plane Wildsammelstellen in der Region, „wo im Fall des Ausbruchs infizierte tote Wildschweine gesammelt, beprobt und entsorgt werden können.“

Der Kreisjagdverein

„Aufgrund der Population und der drohenden ASP schießen wir vermehrt Wildschweine“, sagt Erhardt Rüsseler, Pressesprecher des Kreisjagdvereins Hofgeismar. In einigen Revieren seien das in den vergangenen Monaten bis zu 80 Prozent mehr gewesen – ein Anstieg von 60 auf 107 Stück. Denn: „Je mehr Wildschweine da sind, desto größer ist das Verbreitungsrisiko“, sagt Rüsseler.

Kreisbauernverband

Reinhard Schulte-Ebbert, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Kassel, macht deutlich: „Wir können die Wahrscheinlichkeit eines deutschen ASP-Falles nicht beziffern.“ Jedoch rücke das Virus immer näher an Deutschland und damit auch an den Landkreis Kassel heran. Der Hausschwein-Bestand sei zwar im Landkreis Kassel sehr gering. Dadurch sinke die Gefahr einer Übertragung von Hof zu Hof.

Indes ist der Bestand an Wildschweinen sehr hoch, was die Übertragung durch Wildschweine zu einem ernst zunehmenden Risiko mache. „Hygienemaßnahmen müssen insbesondere Jäger, Förster und Landwirte einhalten und durch Kleidungswechsel, Desinfektion und Schadnagerbekämpfung versuchen, Übertragungsmöglichkeiten zu verhindern.“

Hintergrund: Tod innerhalb weniger Tage

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist eine Viruserkrankung, die ausschließlich bei Haus- und Wildschweinen auftritt. Ihr Hauptverbreitungsgebiet ist in afrikanischen Ländern südlich der Sahara sowie in einigen Mittelmeerländern. In Europa tritt sie vor allem in Litauen, Lettland, Estland und Polen sowie in der Tschechischen Republik mit hohen Fallzahlen auf. Bei europäischen Wildschweinen löst die ASP schwere Allgemeinsymptome wie Bewegungsstörungen und Atemprobleme aus. Die Erkrankung führt meist zum Tod des Tieres innerhalb gut einer Woche.

Quelle: Friedrich-Löffler-Institut

Das sagt Hessen Mobil 

Um Kraftfahrer auf das erhöhte ASP-Übertragungsrisiko durch weggeworfene Speisereste aufmerksam zu machen, würden seit Sommer 2017 mehrsprachige Plakate an Raststätten an der Autobahn 4 aufgehängt, sagt Frauke Werner, Sprecherin der Verkehrsbehörde Hessen Mobil in Wiesbaden. Diese wiesen die Fernfahrer darauf hin, Speisereste nur in geschlossenen Müllbehältern zu entsorgen. „Zudem sind die Autobahnmeistereien darauf sensibilisiert, zum Beispiel nach Stürmen auf Schäden an Wildschutzzäunen zu achten und diese zeitnah zu reparieren“, so Sprecherin Werner weiter. Derzeit werde seitens der Behörde geprüft, ob eine Ausweitung der Plakataktion auf weitere Rastplätze an ausgewählten Autobahnen und Bundesstraßen erfolgen soll.

Das sagt das Forstamt

„Ich sehe nicht, dass von Wildschweinen ein hohes Übertragungsrisiko der ASP ausgeht,“ sagt Uwe Zindel, Leiter des Forstamts Wolfhagen. Die Übertragung zwischen den Tieren passiere langsam. Eher verendeten die Tiere, bevor sie die Seuche weitertrügen. Wildschweine würden bejagt, zusätzlich überlebten einige Frischlinge den Frost nicht – die Population halte sich in Grenzen. „Die größte Gefahrenquelle sind mit ASP konterminierte Abfälle aus Osteuropa“, so Zindel. Durch hohe Qualitätsstandards könne man Wildschweinfleisch aus der Region aber bedenkenlos kaufen.

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