Systeme spielen verrückt: Baustellen irritieren Fahrsensoren

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Oftmals existieren zwei Markierungen nebeneinander. Ein Fahrassistenzsystem kann dann nicht unterscheiden, welche Spur gilt .

Kreis Kassel. Sie sollen Kollisionen verhindern und Autofahrern helfen, in der richtigen Spur zu bleiben: Doch Sensoren in Autos sorgen für Probleme an Baustellen im Kreis Kassel.

Immer mehr Autos sind mit Fahrassistenzsystemen ausgestattet – eine technische Neuerung, die für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen soll. Wenn es aber darum geht, eine Baustelle zu durchfahren, spielen diese Systeme oft verrückt. Denn nicht immer sind Baustellen so gestaltet, dass sie kompatibel sind mit der neuen Technik.

Das beklagt der Fachverband Güterkraftverkehr und Logistik, dessen stellvertretender Vorsitzender der Kasseler Spediteur Eugen Jung ist. Aus seiner Sicht sind Baustellen oft „irrsinnig“ gestaltet.

Dirk Nordmeier

Meist würden die Systeme in Baustellen dauerhaft Alarmtöne abgeben – etwa, weil sie Markierungen nicht erkennen oder Spuren zu schmal sind. „Wenn es dauerhaft piept, mache ich es aus“, bestätigt Dirk Nordmeier, Berufskraftfahrer seit 1987. Hier liege das nächste Problem: Bislang gebe es kein Gesetz, das vorschreibt, dass Systeme sich automatisch wieder anschalten. Klaus Poppe, Geschäftsführer des Fachverbands Güterkraftverkehr und Logistik, fordert deshalb eine politische Entscheidung. Doch unabhängig davon müsse sich an der Konzeption von den Baustellen etwas ändern. Ein Überblick:

Fahrbahnmarkierung

Eugen Jung

Deutlich als temporäre Markierung in Gelb markiert, können sie das Unfallrisiko erhöhen, wenn sie sich von der Fahrbahn ablösen oder verschieben. Die Assistenzsysteme in Lastwagen haben sogenannte Spurverlassenswarner, die Alarm geben, wenn das Fahrzeug die Spur verlässt. Das Problem: „Jeder Lkw hat ein anderes System“, sagt Eugen Jung. Das müsse sich dringend ändern.

Baustellenlänge

Je länger eine Baustelle sei, desto mehr Konzentration erfordere dies vom Fahrer, sagt Eugen Jung. „Die Baustellen sind teilweise viel zu lang.“ Eine Länge von fünf Kilometern sollte nicht überschritten werden, teils seien sie aber zehn und mehr Kilometer lang. „Angeblich spart man damit Geld.“

Breite der Fahrbahn

Die Breite der Fahrspuren variiere oft innerhalb einer Baustelle. In Kurven etwa komme es zu Verengungen, die viele Verkehrsteilnehmer unterschätzten. Jung höre immer wieder von Lkw-Fahrern: „Es war zu eng, also bin ich da reingerauscht“. Polizeisprecher Jürgen Wolf verweist auf die Autofahrer. „Sie müssen sich mit der Breite ihrer Autos vertraut machen“, denn diese sei oft zu breit, um auf der schmaleren Überholspur zu fahren. Viele Automodelle würden bereits die auf dieser Spur zugelassene Breite von 2,10 Metern überschreiten. Eine pdf-Liste zu den Breiten der Autos gibt es beim ADAC.

Oftmals existieren zwei Markierungen nebeneinander. Ein Fahrassistenzsystem kann dann nicht unterscheiden, welche Spur gilt .

Beschilderung

Die Schilder, die auf eine Verengung der Fahrbahn, auf die Trennung oder Zusammenführung von Spuren sowie auf Ein- und Ausfahrten hinweisen, sind laut Jung häufig zu spät sichtbar. Fährt man etwa auf der A7 von der Anschlussstelle Kassel-Ost in Richtung Süden, werde zu spät darauf hingewiesen, dass sich die Spuren teilen – eine führt rechts, zwei links entlang – und dass Lastwagen, die in Richtung Süden wollen, auch links fahren dürfen.

Zwei Verkehrszeichen würden auf die Verschwenkung hinweisen, sagt Hessen Mobil. „Probleme hinsichtlich der Beschilderung gibt es nicht.“

Das sagt Hessen Mobil

Arbeit nach Handbuch Zuständig für die Planung von Baustellen ist in Hessen die Straßenbaubehörde Hessen Mobil, für die Einrichtung der Verkehrsführung ein Auftragnehmer der Verkehrssicherung. Bei der Planung halte man sich laut Hessen Mobil-Sprecher Horst Sinemus an ein Baustellenmanagement-Handbuch. Es gebe detailliert vor, wie Baustellen auf Bundesautobahnen, Bundes-, Landes- und Kreisstraßen – von der Ausschreibung bis zur Umsetzung – zu planen und auszuführen sind. Eine Rolle bei der Planung der Verkehrsführung spielen der Zeitplan der Baustelle inklusive der Bauphasen.

Das sagt der ADAC

Die häufigsten Unfälle passierten laut ADAC bei Reißverschlussverfahren auf der Autobahn. Das Hauptproblem bei der Gestaltung von Baustellen sei deshalb, wenn sich die Spuren auf der Autobahn ändern – besonders dann, wenn aus mehreren Spuren weniger werden. „Hier sollte versucht werden, die Spuren beizubehalten“, sagt eine ADAC-Sprecherin. 

Auch, dass die Spuren damit schmaler werden, könne aber ein Problem darstellen. Da die linke Spur oftmals nur bis zu 2,10 Meter breit ist, setzt der ADAC hier auf die Autofahrer: „Wer sich in der Enge nicht wohlfühlt, sollte rechts bleiben“. Da auch immer mehr Autos mit Fahrassistenzsystemen ausgestattet sind, seien von verschobenen Markierungen auch Autofahrer betroffen. „Sind die weißen etwa nicht entfernt worden und liegen neben den gelben Markierungen, wird das System verwirrt und kann keine richtigen Signale geben.“ Denn: Das System könne keine Farbe erkennen.

Hintergrund: Vermehrt Unfälle auf A7

Derzeit gibt es an den Autobahnen des Altkreises Kassel zwei große Baustellen: An der Autobahn 7 (4,6 Kilometer) und an der A49 Baunatal-Nord (etwa 1,9 Kilometer). Zudem ist die Verkehrsführung an der A44 im Bereich der Bergshäuser Brücke geändert, um das marode Bauwerk zu entlasten. Dort wurden die vier Fahrspuren auf drei verringert. 

Laut Autobahnpolizei kam es besonders auf der Autobahn 7 zwischen dem Kreuz Kassel-Mitte und dem Kreuz Kassel-Nord vermehrt zu Unfällen. Dort wird der Verkehr in beiden Richtungen dreispurig geführt. „Das Unfallaufkommen hat sich leicht erhöht“, sagt Sprecher Jürgen Wolf. Grund dafür sei wohl, dass es sich hier aktuell um die größte Baustelle handelt. Von „übermäßig vielen“ Unfällen könne nicht die Rede sein, so Wolf. Zahlen konnte er nicht nennen. 

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