Der heimliche Star dieser Reise ist ein alter BMW 2002

Rock'n'Roll in der Provinz: Die B 3 ist die deutsche Route 66

+
Wolfgang Groeger-Meier (rechts) mit seinem Mitfahrer Markus Schoenfeld und seinem BMW 2002 auf der ehemaligen B 3 in Fuldatal-Ihringshausen. Die neue B 3 führt seit mehr als zehn Jahren am Ort vorbei.

Ein Münchner Fotograf fährt die Bundesstraße 3 für einen Bildband von Nord nach Süd ab. Dabei hat er auch einiges Erstaunliches über die Menschen in unserer Heimat erfahren.

Als es noch keine Navis gab, hat sich Jens Friedrich mit fremden Besuchern immer an der Bundesstraße 3 getroffen. Der 47-Jährige wohnt im Bad Zwestener Ortsteil Wenzigerode. Von dort ist er damals die vier Kilometer den Berg hinunter zur B 3 gefahren, um Freunde und Verwandte abzuholen. "Jeder wusste, wo die B 3 ist", sagt Friedrich.

Heute fährt der Familienvater über die B 3 jeden Tag ins Kasseler Regierungspräsidium, wo der Beamte arbeitet. Für ihn ist das "eine ganz normale Straße". Für Wolfgang Groeger-Meier ist die zweitlängste deutsche Bundesstraße hingegen ein Mythos. Darum fährt der Fotograf aus München die 755 Kilometer von Buxtehude bei Hamburg bis nach Weil am Rhein ab. Er fotografiert die Dörfer, Felder, Autos und vor allem die Menschen, die er trifft. Für den 53-Jährigen ist die B 3 die deutsche Route 66: "Man muss nicht nach Amerika fahren. Landstraßen-Feeling gibt es auch hier vor der Haustür."

Jens Friedrich aus Bad Zwesten-Wenzigerode.

So hat das Friedrich, der nicht weit von der Landstraße entfernt wohnt, vermutlich noch nicht gesehen. In sein 200-Seelen-Dorf würde "freiwillig niemand ziehen", sagt er. Die einzige Gaststätte in Wenzigerode ist schon lange geschlossen. Nun leben Buddhisten aus Fernost in dem Haus, ganz freiwillig.

Diese und andere Geschichten hat Friedrich gerade Groeger-Meier erzählt. Auf Facebook hatte er von dem ungewöhnlichen B-3-Projekt erfahren und ihn dann angeschrieben. Denn beide fahren das gleiche Auto: einen alten BMW 2002 mit 100 PS. Vor allem über sein Schmuckstück aus dem Jahr 1975 kommt der Fotograf mit den Menschen ins Gespräch: "Der Wagen ist ein Sympathieträger."

Südlich von Einbeck.

Als er gebaut wurde, lebte Groeger-Meier mit seinen Eltern noch in Gehrden im Calenberger Land bei Hannover. Zuvor hatte er die Kindheit in Frankreich verbracht. Über die B 3 ging es zu Ausflügen in Richtung Hamburg. Die Straße war für ihn das Tor zur Welt, vor allem aber ein Stück Heimat.

Obwohl er mit seiner Familie längst in München lebt, empfindet er das immer noch so. Wenn er nun die alte Handelsroute abfährt, über die sich die B 3 von Nord nach Süd schlängelt, trifft er Menschen, die ähnlich denken und fühlen: "Die Menschen entdecken, dass es auch hier schön ist, und sind stolz auf ihre Heimat."

Groeger-Meier, der sonst als Auto- und Reisefotograf arbeitet, hat es vor allem die Region rund um Kassel angetan. Während die B 3 weit im Norden vor allem gerade verläuft, schlängelt sie sich hier erst durch die Kasseler Berge und dann weiter von Dorf zu Dorf. Die großen Städte wie Kassel lässt der Fotograf mit seinen Begleitern, die Texte für seinen Blog schreiben, links liegen, denn "den Metropolen kann man ohnehin nicht gerecht werden". 

In der Nähe von Gilserberg.

Umso mehr freut er sich über die kleinen Perlen. Die mittelalterliche Fachwerkstadt Fritzlar etwa findet er "einfach traumhaft". Dass die B 3 von Kassel bis dorthin seit einigen Jahren über die A 49 führt, ist ihm egal. Auch sonst unternimmt er zwischendurch immer wieder Abstecher. In Einbeck besuchte er das Motorrad- und Automobilmuseum PS-Speicher, in Gudensberg traf er sich mit heimischen Oldtimer-Freunden, und mit dem anderen BMW-Fahrer Friedrich machte er einen Abstecher nach Schwalmstadt.

Später in der Wetterau fotografierte er in Bad Nauheim die Villa Grunewald, in der 1958 Elvis Presley lebte. Auch in der beschaulichen Provinz kann Heimat Rock'n'Roll sein. In Wenzigerode, dem Ort ohne Kneipe, ist davon zwar nichts zu spüren. Jens Friedrich wird sich Groeger-Meiers Buch natürlich trotzdem besorgen. Allerdings wird es wohl erst 2019 erscheinen. Auch nächstes Jahr wird der Fotograf noch auf der B 3 unterwegs sein, die für ihn nicht nur Heimat, sondern auch ein Hobby ist, denn: "Reich werden kann man mit Bildbänden nicht."

Wolfgang Groeger-Meiers Blog zur Bundesstraße 3.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.