Kleines Wäldchen in Obervellmar kann nicht genutzt werden – Im Zweiten Weltkrieg Flugabwehrstellung

Baumstämme voller Granatsplitter

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Geheimnisvoll: An der Landesstraße 3234 zwischen Obervellmar und Harleshausen befindet sich das kleine Eichenwäldchen, das vermutlich vor rund 140 Jahren angepflanzt wurde und noch heute der Familie Pfläging gehört. Links ist das Obervellmarer Neubaugebiet „Am Wäldchen“ zu sehen.

Vellmar. Beinahe unbemerkt vom hektischen Straßenverkehr befindet sich am Ortsrand von Obervellmar in Richtung Harleshausen ein kleines Wäldchen. Genau 33 Eichenstämme und zwei Kiefern wachsen auf dem fast 2000 Quadratmeter großen Areal.

Und das schon seit vielen Jahren ohne erkennbaren Nutzen.

Eigentümer Udo Pfläging, der jetzt im niedersächsischen Bad Bevensen wohnt, erinnert sich daran, dass sein Großvater ihm schon davon erzählte, dass der kleine Wald seit ewigen Zeiten im Besitz der Familie sei. „Wahrscheinlich war in grauer Vorzeit die ganze Gegend bewaldet, und bei der Rodung wurde dieses Stück einfach so belassen, wie es ursprünglich war“, spekuliert der 72-Jährige.

Tatsächlich beweist altes Kartenmaterial von 1899, dass am Landweg von Obervellmar nach Harleshausen ein Flurstück mit der Bezeichnung „Die Tannen“ existierte. Eben dieses Stück, auf dem sich noch heute ein kleines Wäldchen, allerdings mit Eichenbäumen, befindet. Es wird als Pflägings Wäldchen bezeichnet.

Gefährliche Splitter: Noch heute stecken in den Eichenstämmen des Wäldchens die Reste von Granaten. Diese wurden während des Zweiten Weltkrieges auf die ehemalige Flugabwehrstellung der Wehrmacht abgefeuert, die sich dort befand.

Schaut man in die noch ältere Niveaukarte von Hessen Nr. 15, Wilhelmshöhe, aus dem Jahr 1859, ist dort kein Waldstück erkennbar. Das lässt den Schluss zu, dass der heutige Baumbestand etwa in der Zeit gepflanzt wurde, als Hessen preußisch wurde.

Wozu diente das Wäldchen? Haben es die Obervellmarer Bauern vor langen Zeiten als Hutefläche für ihre Schweine genutzt? „Das schließe ich aus“, sagt Heiner Range, Landwirt und Historiker aus Leidenschaft. Erst 1936 seien 76 Hektar Harleshäuser Fläche im Zuge der Eingemeindung nach Kassel an die Gemeinde Obervellmar übertragen worden. Bis dahin sei fast der gesamte Osterberg Harleshäuser Gemarkung gewesen und auch nicht von Obervellmarer Bauern genutzt worden.

Auffällig ist, dass der Bereich des Wäldchens mit Steinen übersät ist. Hellbraune, quarzithaltige Feldsteine wachsen aus dem Boden, die früher mit Pferdegespannen zum Wäldchen gebracht und dort gesammelt wurden. „In der Mitte der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts versuchte man, die Steine industriell zu verwerten und das darin enthaltene Quarz zu gewinnen. Doch eine Ausbeutung im größeren Stil erwies sich als unwirtschaftlich, und so blieb alles, wie es war“, erinnert sich Udo Pfläging.

Während des Zweiten Weltkrieges befand sich in dem Wäldchen eine Flugabwehrstellung der Wehrmacht mit Kantinenbaracke.

Einige Fundamente sind bis heute noch zu erkennen. Nicht zu erkennen sind allerdings die unzähligen Granatsplitter, die in den Stämmen der alten Eichen stecken geblieben sind. Das macht eine Verwertung der Stämme unmöglich, und so bleibt das Wäldchen wohl der Nachwelt erhalten, wie es heute ist. „Für uns hat das Wäldchen nur noch einen ideellen Wert“, erklärt auch Eigentümer Udo Pfläging.

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