Geburtshelfer der Modelle Golf, Passat und Scirocco

VW: Erster Werkleiter Rudolf Leiding wäre heute 100 Jahre alt geworden

Nach VW in Altenbauna kam Auto Union in Ingolstadt: Das Bild zeigt Rudolf Leiding in einer Produktionshalle. Hier brachte er die Modelle Audi 80 und 100 auf den Weg. Archivfoto: Sven Simon

Baunatal. Wenn es darauf ankam, dann zeigte er den Arbeitern im neu geschaffenen VW-Werk, wie man richtig schweißt. Das konnte Rudolf Leiding als gelernter Kfz-Mechaniker problemlos. Am Donnerstag wäre Leiding 100 Jahre alt geworden.

Genauso tauchte der Werkleiter einfach mal an der Montagebank zu einer Fachsimpelei unter Kollegen auf oder lud zu Getränk und Würstchen nach der Arbeit in die Gaststätte im Bahnhof Altenbauna ein.

Lexikonwissen:

Das VW-Werk im Regiowiki

Der erste Chef des 1958 geschaffenen VW-Standorts hatte viele Facetten - die reichten vom hemdsärmligen Macher in der Aufbereitung für Käfer-Motoren bis zum unnachgiebigen Konzernstrategen. Der spätere Vorstandsvorsitzende von Volkswagen gilt bis heute als Geburtshelfer der Erfolgsmodelle Golf, Passat und Scirocco. Für VW eine einschneidende Veränderung - weg vom luftgekühlten Heckmotor des Käfers, hin zum wassergekühlten Fronttriebler.

Nach einem Maschinenbaustudium hatte Leiding 1945 als Betriebsingenieur bei VW in Wolfsburg begonnen. Als Leiter der dortigen Aggregateaufbereitung empfahl sich der aus der Altmark stammende Motorenspezialist für die Leitung des Werkes in Nordhessen. Quasi über Nacht entstanden dort 7000 Arbeitsplätze, die Hallen 4, 5 und 6 - ehemals Produktionsstätten der Henschel-Flugmotorenwerke - wurden von Kriegsschäden befreit und für das boomende Autogeschäft auf Vordermann gebracht. An vielen Stellen wurde gebaut auf dem eine Million Quadratmeter großen Gelände, nach Blindgängern wurde gesucht, überall war es schlammig. Im Lohwäldchen, in dem ein Teil der Produktionshallen stand, sagten sich Fuchs und Hase gute Nacht.

1965 verabschiedete sich Rudolf Leiding nach der Pionierarbeit vorübergehend aus Baunatal. Bis 1968 war er Geschäftsführer der Auto Union (später Audi) in Ingolstadt. Von 1968 bis 1971 leitete er Volkswagen in Brasilien. Schließlich wurde er an die Spitze des Volkswagenkonzerns berufen. Von 1971 bis 1975 war Leiding Vorstandsvorsitzender von VW.

„Ein Unternehmen kann man nur führen, wenn man den Ton angibt“, sagte Leiding später einmal, als er schon längst nach Baunatal als Ruheständler zurückgekehrt war. Das lässt die auch undiplomatische Seite des ehemaligen Werkleiters erkennen.

In Baunatal starb er 2003, einen Tag vor seinem 89. Geburtstag. Ehefrau Helga wohnt übrigens bis heute am Fuße des Baunsbergs. Sie war seine erste Sekretärin im neuen Werk.

Bunte Käfer-Modelle und ein Straßenschild vor dem Haupttor erinnern an den markanten Werkschef und verleihen dem Standort sogar die Postanschrift: Dr.-Rudolf-Leiding-Platz 1.

Von Sven Kühling

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