Bahnhof Guntershausen war 1855 globaler Verkehrs-Drehpunkt

Mit einer Weichenlaterne von Gleis 10: Dr. Klaus-Peter Lorenz (Vhs) reiste mit den Besuchern im Gemeinschaftshaus in Guntershausen durch die Eisenbahngeschichte des Ortes. Fotos: Wienecke

Baunatal/Kassel. Ein kurfürstliches Wartezimmer, Russlands Zar Alexander und Otto von Bismarck als Übernachtungsgäste, Soldaten, die von hier aus in den Krieg zogen: Der Bahnhof in Guntershausen war einmal von internationaler Bedeutung.

Großer Bahnhof in Guntershausen: 100 Besucher kamen in den Saal des Gemeinschaftshauses, um Wissenswertes über die nordhessische Eisenbahngeschichte zu erfahren.

„Vom Dorf mit dem Bahnhof mit den tausend Türen“ berichtete Dr. Klaus-Peter Lorenz (Vhs), der Guntershausen und seine Geschichte nicht nur bestens kennt, sondern auch dort lebt.

Sein Rundgang durch den Ort findet sich auch in dem Buch „Vom Drachen zur Regiotram - Eisenbahngeschichte in der Region Kassel“. Drache hieß die erste 1848 bei Henschel in Kassel gebaute Lokomotive. Der Herausgeber des Buches, Dr. Lutz Münzer, war aus Marburg angereist, um von der gelungenen Zusammenarbeit mit den sieben Autoren zu berichten, die ihn bei der Arbeit an dem Buch aus der Reihe „Die Region trifft sich“ unterstützt haben.

Dr. Lutz Münzer

88 Einwohner hatte Guntershausen im Jahr 1748, berichtete Dr. Klaus-Peter Lorenz, 1846 waren es 199 (heute sind es 1000). Im Jahr 1843 waren bereits sämtliche Dorfstraßen gepflastert. Mit dem Fernbahnhof wurden 1855 die Türen zur Welt aufgestoßen. Auf engem Terrain entstand das Empfangsgebäude, das 60 Meter langund knapp neun Meter breit war. Wartesäle der ersten, zweiten und dritten Klasse, ein kurfürstliches Wartezimmer mit Stuckdecke sowie ein Billett- und ein Gepäckbüro befanden sich darin. Im ersten Stock wohnte der Bahnhofswirt. Julius Vaternahm betrieb die Bahnhofsbuchhandlung in Guntershausen. Der Bahnhof wurde zum Dreh- und Angelpunkt des internationalen Verkehrs.

Oberhalb am Hang im Hotel Bellevue (heute ein Teil des Marie-Behre-Altenhilfezentrums des Diakonissenhauses) übernachteten 3500 Durchreisende im Jahr, darunter Russlands Zar Alexander und Otto von Bismarck (1878). Vom Bahnhof aus zogen die Soldaten in den Krieg (hiervon sucht der Referent noch Fotos für einen Vortrag). Später kam Trümmerschutt aus Kassel an und wurde vor Ort verbaut.

Heute hält die RT am Bahnhof, Schnell- und Containerzüge rauschen vorbei. „Viele Bahnhöfe in Nordhessen sind gerettet worden, indem ihnen die Kommunen neue Aufgaben gaben“, berichtet Dr. Klaus-Peter Lorenz. Das Empfangsgebäude in Guntershausen ist inzwischen in Privatbesitz, es wurde 2012 für 1500 Euro versteigert. 1000 Türen hat das Gebäude, das im Untergeschoss ausschließlich Türen und keinerlei Fenster hat, übrigens nicht, es sind lediglich 40 bis 50.

Von Bettina Wienecke

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.