Haftstrafenabschiebung für Diebestrio aus Rumänien

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Kassel / Baunatal. Mit einem ungewöhnlichen Deal endete die Berufungsverhandlung vorm Landgericht Kassel gegen drei junge Männer aus Rumänien.

Im Oktober waren der 22-Jährige und seine beiden jeweils 26-jährigen Komplizen vom Amtsgericht Kassel wegen gemeinschaftlichen Diebstahls in mehreren Fällen zu einem Jahr und acht Monaten beziehungsweise zwei Jahren Haft verurteilt worden. Gestern nun kamen sie unerwartet auf freien Fuß.

Indem sie beteuerten, auf schnellstem Wege in ihre Heimat ausreisen zu wollen, ließ sich Staatsanwalt Jan Uekermann darauf ein, die Berufung gegen das Amtsgerichtsurteil vom Herbst zurückzuziehen. Auch die Angeklagten hatten ihre Berufung zurückgenommen. Damit kam das Urteil aus erster Instanz zum Tragen.

Seit Mai 2014 hatten die jungen Männer im Gefängnis verbracht und damit einen Teil ihrer Strafe bereits verbüßt. Bevor die Ladung zum Antritt der Reststrafe erfolgt, können die Rumänen ihre kurzzeitige Freiheit nutzen und ausreisen.

„Das ist faktisch wie eine Haftstrafenabschiebung“, erläuterte Verteidiger Bernd Pfläging seinem Mandanten, was er zuvor gemeinsam mit seinen Kollegen und dem Staatsanwalt ausgehandelt hatte. Dieser nannte den Deal gegenüber der HNA eine „ganz gute Lösung“. Denn die drei verurteilten Diebe könnten im Fall einer neuerlichen Einreise nach Deutschland jederzeit festgenommen werden, um den Rest ihrer Strafe abzusitzen. Erst nach zehn Jahren wäre die Haftvollstreckung verjährt.

„Danke, vielen Dank“, stammelte der für elf Diebstähle oder Einbrüche zu zwei Jahren Haft verurteilte 26-jährige Haupttäter, als er begriff, plötzlich frei zu sein. Sein jüngerer Komplize strahlte erleichtert, als die Dolmetscherin ihm den Deal erläuterte. Ungläubig fragte der 22-Jährige mehrmals nach und erhielt darauf die immer gleiche Antwort: „Ja, heute. Heute.“ Vor Verhandlungsbeginn hatten sich die drei jungen Männer wieder und wieder bekreuzigt und betend die kahl geschorenen Köpfe in der Anklagebank gesenkt.

Das Diebestrio war von März bis Mai 2014 in Kassel, Waldeck, Naumburg, Calden, Baunatal, Hofgeismar und Gersfeld auf Beutezügen in Tankstellen, Gaststätten, kleineren Läden und in Rohbauten unterwegs. In erster Linie hatten die drei Rumänen es auf Bargeld und Zigaretten abgesehen. Den angerichteten Stehlschaden bezifferte die Staatsanwaltschaft auf mindestens 36.000 Euro.

Mit einem Bahnticket bis zur deutschen Staatsgrenze ausgestattet, wurden die drei Rumänen prompt nach der Verhandlung von der Polizei zum Bahnhof geleitet. Denn, so erläuterte Richter Liebermann: „Die Staatsanwaltschaft wird die Strafe vollstrecken, wenn sie nicht nach Hause gehen.“

Von Andrea Espagné

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