Mitarbeiter und Bewohner schockiert über Chef-Wechsel

Eklat im Baunataler Gertrudenstift: Chefs haben Hausverbot

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Im Fokus: Im Gertrudenstift knirschte es zwischen Geschäftsführung und Beirat.

Baunatal. Die neue Woche begann im Gertrudenstift in Baunatal mit einem Knall. Die Geschäftsführer Martin Mittelbach und Christian Beyer reichten ihre Kündigung ein. Einen Tag später hatten sie Hausverbot. 

 „Wir freuen uns, wenn sich das Haus bald mit noch mehr Leben füllt“ – das hatte Martin Mittelbach als Geschäftsführer des Baunataler Gertrudenstifts Ende vergangener Woche gesagt. Da hatten er und sein Partner Christian Beyer gerade von den 20 bereits belegten Betten im kürzlich eröffneten Wohnpflegeheim berichtet. Von diesem Leben werden Mittelbach und Beyer jedoch nichts mehr mitbekommen. Denn nicht mal eine Woche später sind beide nicht mehr im Amt.

Hingen nur sehr kurz: Auf Transparenten machten sich die Mitarbeiter für den Verbleib der Geschäftsführer stark.

Was ist passiert? Das fragen sich vor allem die 150 Mitarbeiter sowie die Bewohner der Einrichtungen in Großenritte. „Wir sind zutiefst betroffen“, sagt Pfleger Lukas Gulyk, Vorsitzender der Mitarbeitervertretung (MAV). Einige Mitarbeiter und Bewohner hätten geweint, als sie von der Entscheidung erfahren haben. Mit Transparenten machte sich die Belegschaft am Dienstagmorgen für den Verbleib ihrer Geschäftsführer stark. Die Banner mussten noch am selben Tag wieder abgehängt werden.

Gertrudenstift Baunatal: Das sagen die ehemaligen Geschäftsführer

Einen Tag zuvor hatten Mittelbach und Beyer den Angestellten mitgeteilt, dass sie das Gertrudenstift verlassen werden. Im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigen beide, dass sie am Montag fristgerecht zum 31. März 2019 gekündigt hätten. Tags darauf habe sie der Beirat freigestellt und ein Hausverbot für beide ausgesprochen – ohne Begründung. Mittelbach und Beyer hätten eine halbe Stunde Zeit gehabt, um ihre Sachen zu packen.

„Mir ging es immer um das Wohl des Gertrudenstifts“, sagt Mittelbach. „Ich hätte gerne weiter hier gearbeitet, unter diesen Umständen war mir das aber nicht möglich.“ Dem nun ehemaligen Geschäftsführer zufolge habe es Differenzen hinsichtlich des Führungsverständnisses zwischen Beirat und Geschäftsführung gegeben. Den autoritären Führungsstil, der von ihm und Beyer verlangt worden sei, habe der 57-Jährige jedoch nicht praktizieren wollen. Die Kündigung sei für ihn die letzte Konsequenz einer fast zwei Jahre andauernden negativen Entwicklung gewesen.

Diese Sicht bestätigt Christian Beyer. „Ich hatte schon länger das Gefühl, dass man uns loswerden will“, sagt der 42-Jährige. „Unser Führungsstil war wohl nicht der, den sich der Beirat gewünscht hat.“ Beyer habe am Dienstag angeboten bekommen, als Leiter des Wohnpflegeheims im Gertrudenstift zu bleiben. „Dieses Angebot habe ich dankend abgelehnt.“

Hier schien noch alles in Ordnung (von links): Christian Beyer und Martin Mittelbach mit Vertretern der CDW-Stiftung bei einer Spendenübergabe Ende vergangener Woche.

Das sagen die Angestellten im Gertrudenstift Baunatal

Hört man sich unter der Belegschaft im Gertrudenstift um, fallen bezüglich des Verhältnisses zwischen Angestellten und Geschäftsführung immer die gleichen Worte: menschlich, familiär und respektvoll. Thorsten Mann, Hausverwalter und Gulyks Stellvertreter im MAV, sagt: „Sie haben jeden auf Augenhöhe behandelt – egal ob Hausmeister, Pfleger oder Reinigungskraft.“ Das Betriebsklima habe sich unter ihrer Leitung erheblich verbessert. Nach Informationen unserer Zeitung sollen einige Angestellte nach dem Weggang Mittelbachs und Beyers ebenfalls darüber nachdenken, das Gertrudenstift zu verlassen.

Angehörige von Bewohnern machen sich Sorgen, ob die familiäre Atmosphäre in den Einrichtungen erhalten bleibt. Die Kaufungerin Ulrike Wittich (52) etwa habe Resignation, Trauer und Fassungslosigkeit unter Bewohnern und Mitarbeitern festgestellt. „Ich habe nur in traurige Gesichter geblickt.“ Wittichs 21-jähriger Sohn ist einer der Bewohner im neuen Wohnpflegeheim.

Das sagt der Beirat

Der Vorsitzende des Beirats, Lothar van Eikels (62), sagt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Atmosphäre im Gertrudenstift genauso familiär bleiben soll, wie sie war. Außerdem würde die MAV selbstverständlich weiterhin in Personalentscheidungen eingebunden. 

Den Grund für das Zerwürfnis zwischen Beirat und Geschäftsführung sieht van Eikels nicht in den unterschiedlichen Auffassungen hinsichtlich des Führungsstil – wenngleich er diese nicht bestreitet. „Es bestand eine große persönliche Nähe zwischen Geschäftsführung und Angestellten. Wir hatten Zweifel, ob dadurch die nötige Distanz und Professionalität für eine Führungsposition gewahrt werden kann.“ 

Stein des Anstoßes sei vielmehr eine Uneinigkeit über die Besetzung der Stelle des Einrichtungsleiters in dem geplanten Pflegeheim in Guxhagen gewesen. Zudem habe es seitens der Geschäftsführung Vorbehalte gegenüber einem vom Kirchenbezirk neu entsandten Beiratsmitglied gegeben. All dies habe zu Grundsatzdebatten und letztlich zum Vertrauensbruch geführt. 

Van Eikels bedaure dies. „Wir haben die Hand ganz weit ausgestreckt, um Geschäftsführung, Vorstand und Beirat wieder näher zusammenzubringen.“ Dieses Angebot sei von Mittelbach und Beyer durch ihre Kündigung jedoch brüsk zurückgewiesen worden.

So geht es im Gertrudenstift Baunatal weiter

Den Vorstand des Gertrudenstifts besetzen interimsweise Altbischof Dr. Diethard Roth (75) und der ehemalige Leiter der Martin-Luther-Stiftung in Hanau Friedrich Trapp (63). Die Geschäfte an der Prinzenstraße übernehmen bis auf Weiteres Trapp und Armin Raatz (57), Energie-Ingenieur und Beiratsmitglied. Dass der Beirat so schnell eine Interimslösung parat hatte, liege daran, dass Mittelbach vor einigen Monaten ein Zwischenzeugnis angefordert habe, sagt van Eikels. „Wir wollten für alle Fälle vorbereitet sein.“

Mittelbach und Beyer bildeten seit zwei Jahren gemeinsam die Geschäftsführung des Gertrudenstifts. Währenddessen und in den Jahren zuvor entwickelte sich die Einrichtung zu einem großen Sozialunternehmen mit Schwerpunkt auf dem Mehrgenerationengedanken. Neben dem Altenpflegeheim mit 99 Betten gibt es 27 Wohnungen im betreuten Wohnen, eine Kita mit 62 Plätzen und seit Neuestem die Junge Pflege mit 20 vollstationären Pflegeplätzen für Personen von 18 bis 64 Jahre.

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