Über 1000 Beschäftigte der Nachtschicht bei Kundgebung vor dem Haupttor

"Wir sind auch Volkswagen": Streikende Arbeiter kritisieren lautstark VW-Chefs

Baunatal. Beim ersten Warnstreik im VW-Werk Kassel in Baunatal seit 2004 legten Arbeiter zwei Stunden vor Ende der Nachtschicht die Arbeit nieder. Die eisige Stimmung passt zur Lage des Konzerns.

Es ist kalt geworden über Nacht. Von plus acht auf annähernd null Grad. Graupel geht über dem Habichtswald nieder. Der helle Fast-Vollmond und der riesige blaue Schriftzug „Volkswagen“ über dem VW-Werk Kassel in Baunatal passen zur eisigen Atmosphäre vor dem Haupttor, durch das die ersten Beschäftigten des Autobauers kommen. Sie wollen dabei sein beim ersten Warnstreik bei VW seit 2004 und ihren Forderungen – etwa nach sechs Prozent mehr Lohn – Nachdruck verleihen.

4.15 Uhr

Das Fahnenschwenken fällt den IG-Metallern noch ein bisschen schwer, die Hände bleiben bei der Kälte zunächst noch in den Taschen. Betriebsratschef Carsten Bätzold begrüßt die „Kolleginnen und Kollegen“ mit einem „Schönen guten Morgen“ und bittet sie, doch ein Stück näher zu kommen. Musik dröhnt aus den Lautsprechern.

4.25 Uhr

Ein Mitarbeiter aus der Halle 6 kommt an die Lkw-Ladefläche, die als kleine Bühne auf dem Vorplatz des Werkstores dient, und meldet: „99 Prozent da. Ein Einziger steht noch an der Linie.“

4.30 Uhr

Gewerkschaftssekretär Matthias Ammer begrüßt die 1000 bis 1500 Mitarbeiter (Schätzungen) der Nachtschicht offiziell. Jetzt stehen sie gedrängt in Gruppen vor dem Lkw. Die IG-Metall-Fahnen wehen. Auch auf der benachbarten Fußgängerbrücke haben sich einige versammelt. „Es ist der erste Warnstreik bei Volkswagen seit vielen Jahren“, sagt Ammer.

Langsam kriecht die Kälte in den Körper.

IG Metall Streik 2018 im VW-Werk Kassel

Baunatal Volkswagen VW-Werk Warnstreik der IG Metall vor dem HaupttorFoto: Kühling
 © Kühling
Baunatal Volkswagen VW-Werk Warnstreik der IG Metall vor dem HaupttorFoto: Kühling
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Baunatal Volkswagen VW-Werk Warnstreik der IG Metall vor dem HaupttorFoto: Kühling
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Baunatal Volkswagen VW-Werk Warnstreik der IG Metall vor dem HaupttorFoto: Kühling
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Baunatal Volkswagen VW-Werk Warnstreik der IG Metall vor dem Haupttor Foto: Kühling
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Baunatal Volkswagen VW-Werk Warnstreik der IG Metall vor dem Haupttor Foto: Kühling
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4.35 Uhr

Betriebsratschef Carsten Bätzold steht am Mikrofon. Hellwach und kampfeslustig. Bevor er auf die Tarifrunde eingeht, äußert er sich zu den Tests, bei denen Menschen und Affen unter VW-Beteiligung Abgasen ausgesetzt wurden. Immer wieder komme eine neue Sch.... um die Ecke, sagt er. Die Beteiligung von VW an solchen Tests sei verabscheuungswürdig. Und den Menschen auf dem Platz ruft er zu: „Das Ärgerliche ist, dass wir das jedes Mal mit abkriegen. Wir sind auch Volkswagen.“

Dann ist Bätzold bei der Tarifrunde. Vom größten Arbeitgeber der Welt, „der sich dumm und dusselig verdient, wollen wir sechs Prozent auf zwölf Monate“. Der Betriebsratschef rechnet vor: Die vom Vorstand im Gegenzug geforderte Anhebung der Arbeitszeit für 20 Prozent der Beschäftigten in Baunatal auf 40 Stunden würde zu einem Stellenabbau am Standort führen. „So fallen fast 500 Arbeitsplätze weg.“

Und nochmal zurück zu den Abgastests: Dass sich der Vorstand nach den Affen erkundige, sei gut. Er sollte sich aber lieber nach den Mitarbeitern erkundigen, die rund um die Uhr für das Unternehmen arbeiteten. Bätzold kündigt abschließend für die nächste Verhandlungsrunde am 20. Februar an: „Wir sind steigerungsfähig.“

Hier haben wir alle Infos zum IG-Metall-Streik 2018

4.45 Uhr

Der Warnstreik, der die Beschäftigten zwei Stunden vor dem Ende der Nachtschicht aus der Fabrik geholt hat, ist beendet. Die Mitarbeiter gehen nach Hause. Ein paar Trommelschläge sind noch auf dem sich leerenden Platz zu hören. Einige Mitarbeiter, die etwas am Rand stehen, wollen sich nicht zu ihren Erwartungen äußern. Auch nicht anonym. Sie wenden sich ab und verschwinden in der Dunkelheit.

5 Uhr

Der riesige Parkplatz am VW-Werk ist fast leer. Betriebsrat Carsten Bätzold geht davon aus, dass nahezu die komplette Nachtschicht an der Veranstaltung teilgenommen hat. „Alle Hallen sind leer. Es findet hier keine Arbeit mehr statt.“

Weitere Kundgebungen vor dem Werk folgen um 12.30 Uhr und um 20.30 Uhr.

Rubriklistenbild: © Kühling

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