Waltraud Mann hielt Vortrag in Baunatal

Kasselerin sah 1941 als Fünfjährige die Deportation

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Enge Verbindung zu Israel: Waltraud Mann berichtete unter anderem von Jehuda Bacon, der den Holocaust als einziges Familienmitglied überlebte. Das Foto im Hintergrund zeigt ihn mit seinen beiden Schwestern.

Baunatal. Waltraud Mann erlebte 1941 wie Juden vom Hauptbahnhof deportiert wurden. In der Baunataler Erich-Kästner-Schule hielt sie jetzt einen Vortrag über das Erlebte.

Es gibt Tage, die ein ganzes Leben verändern. Für Waltraud Mann war es der 9. Dezember 1941.

„Ich stand mit meiner Mutter vor dem Kasseler Hauptbahnhof, als eine Menschenmenge an uns vorbeigetrieben wurde“, erzählt sie. Obwohl sie damals erst fünf Jahre alt war, habe sich das Gesehene – die Deportation von Juden nach Riga – in ihr Gedächtnis eingebrannt und sie nie wieder losgelassen.

Während Waltraud Mann in der Aula der Baunataler Erich-Kästner-Schule von ihren Erlebnissen berichtet, ist es mucksmäuschenstill. Die Zehntklässler, die ihr an diesem Nachmittag zuhören, werden in wenigen Monaten eine Exkursion nach Auschwitz unternehmen. „Wir haben leider nicht mehr oft die Gelegenheit, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen“, sagt Religions- und Ethik-Lehrerin Sina Blumenthal, die das Thema Holocaust mit den Jugendlichen behandelt. Umso wertvoller seien Vorträge wie die von Waltraud Mann.

Freiwillig nach Israel

Die Kasselerin, heute 81 Jahre alt, hat selbst keine Familienangehörigen durch den Holocaust verloren. Und doch ist ihre Lebensgeschichte eng mit den damaligen Geschehnissen verwoben. Die Bilder von 1941 noch immer im Kopf, ging sie in den Siebzigerjahren als Freiwillige für die Aktion Sühnezeichen nach Israel. Eine schicksalhafte Entscheidung. Denn dort traf sie zufällig die Tochter von Meta Oppenheim – eine jener Frauen, die von Kassel aus nach Riga deportiert worden waren. „Wir lagen uns weinend in den Armen“, sagt Waltraud Mann. Aus der Begegnung entstand eine tiefe Freundschaft, auch über die nächste Generation: Meta Oppenheims Enkelin besuchte sogar Kassel, um die Stolperstein-Verlegung für ihre Großeltern zu erleben. Ein Zeichen der Versöhnung.

Und noch eine Begegnung hat in Waltraud Manns Leben tiefe Spuren hinterlassen: In Israel traf sie den jüdischen Künstler Jehuda Bacon, der als einziger seiner Familie die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz überlebte. Seine Geschichte, die von so viel Trauer, aber auch von Hoffnung und Vergebung geprägt ist, bewegte die EKS-Schüler besonders. „Man beginnt, über sein eigenes Leben nachzudenken“, sagte Natalie Boll nach dem Vortrag. Schon jetzt habe sie Respekt vor der Fahrt nach Auschwitz. „Das wird sicher sehr emotional.“

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