Urteil: Drei Jahre Haft nach Überfall in Baunatal-Altenritte

Kein Geld mehr für Essen: Wie zwei Frauen zu Bankräuberinnen wurden

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Starrer Blick: Die 43 Jahre alte Angeklagte während der Verhandlung vor dem Amtsgericht. Im Hintergrund: Verteidigerin Christiane Köhler.  

Kassel. Das Amtsgericht Kassel hat am Mittwoch zwei Frauen wegen eines Banküberfalls in Baunatal-Altenritte zu jeweils drei Jahren Haft verurteilt. Doch: Wie kam es zu der Tat? 

Beide sehr maskulin wirkenden Angeklagten hatten die Tat gestanden, vor Gericht Reue bekundet und bei der 31-jährigen Angestellten der Sparkasse und dem 58-jährigen Leiter der Filiale in der Wilhelmshöher Straße in Altenritte um Entschuldigung gebeten. Das wertete das Gericht ebenso positiv wie die bis zu jenem Tag reine Westen der Frauen.

Dennoch seien sie der gemeinschaftlichen räuberischen Erpressung schuldig, befand auch Staatsanwältin Katharina Riemenschneider, die dieses Strafmaß gefordert hatte, während die Verteidigung für eine nur halb so lange Strafe plädiert hatte. Doch die Angeklagten hätten erheblichen Schaden angerichtet, hieß es in der Begründung.

Während die Beute von 110.000 Euro in der damaligen Wohnung der Frauen in Baunatal vollständig gefunden wurde, sei der psychische Schaden bei der 31-jährigen Bankkauffrau erheblich. Denn die 43-Jährige bedrohte die Frau hinter dem Kassenschalter mit einer Soft-Air-Pistole, bei deren Anblick im Gericht die Sparkassenmitarbeiterin in Tränen ausbrach. Ihr Kollege, ein früherer Bundeswehrsoldat, hatte gleich geahnt, dass es sich nicht um eine scharfe Waffe handelte.

Als Grund für die spontane Idee zu dem Raub nannten die heute in Vellmar wohnhaften Angeklagten, die selbst Kundinnen der Sparkasse waren, ihre Finanznot zur damaligen Zeit. Als Hartz-IV-Empfängerinnen hätten sie lange vergeblich nach einem Job gesucht. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Die Verteidigerinnen deuteten an, den Schritt in die nächste Instanz gehen zu wollen.  

Wie kam es zu dem Banküberfall?

Wo anfangen bei der näheren Betrachtung dieses Prozesses, in dem es in erster Linie um einen Banküberfall geht – aber eigentlich auch um viel mehr: Verzweiflung, Reue, Angst und Widersprüche? Wo also beginnen? Am besten bei jener 31 Jahre alten Bankangestellten, die an diesem Tag vor dem Amtsgericht in Kassel als Zeugin auftritt, aber vielmehr Opfer jener Tat ist, die sich im Oktober 2015 in der Sparkasse Altenritte ereignet hat.

Die junge Frau betritt den Saal in Begleitung ihres Mannes, der neben ihr Platz nimmt und ihre rechte Hand während der gesamten Befragung nicht loslässt. Die Bankkauffrau schildert dann die Ereignisse jenes tristen Oktobertages; sie erzählt, wie sie die Täterin im Schalterraum erblickt, wie sie ihren Chef im Nebenraum auffordert: „Du müsstest bitte mitkommen.“ Sie sagt, wie zittrig die Räuberin im Tresorraum ihre Waffe hielt.

Zwischendurch kommen der Angestellten die Tränen, die erahnen lassen, was solch eine Tat mit einem Menschen machen kann: Panikattacken, vier Monate dienstunfähig, die neue Wohnung im Parterre aus Angst vor Eindringlingen gekündigt, Umzug in eine Dachgeschosswohnung, Bangen um das Baby, das bald auf die Welt kommen wird. Am Ende richten die Angeklagten das Wort an die Bankangestellte. Die eine Angeklagte sagt: „Es tut mir aufrichtig leid. Ich hoffe, dass Sie mir eines Tages verzeihen.“ Und dann die andere Angeklagte: „Es tut mir auch leid.“

Kein Geld mehr fürs Essen

Die Angeklagten. Ein außergewöhnliches Thema für sich natürlich: zwei Frauen, die eine 43 Jahre alt, die andere 40. Verpartnert. Sie sprechen von verheiratet. Der Boulevard würde seine eigenen Schlagzeilen finden für das Paar. Aber damit wäre es nicht getan.

Die Tat stellt die 43-Jährige als Ergebnis einer Verzweiflung dar: Hartz IV bezogen, nach Bewerbungen gibt es Absagen, das Geld der Frauen wurde knapper: „Wir wussten nicht mehr, womit wir das Essen zahlen sollten.“ Sie, so gibt die Ältere an, nimmt Schmerzmittel. Als sie eines Tages aufwacht, sei ihr der Einfall mit dem Banküberfall gekommen. Aus dem Nichts. Sie habe dann ihre Frau gebeten, sie zur Bank zu fahren.

Fast reglos: Die zweite, 40 Jahre alte Angeklagte. Im Hintergrund: Verteidigerin Gabriele Gruffke.

Die Taktik im Prozess wird schnell klar: Kurzschlusshandlung der einen, die andere soll nur als Fahrerin involviert gewesen sein – nichts ahnend, was ihre Frau vorhat. Zweifel bestehen.

Das Ganze wirkt skurril wie so vieles. Nach dem Überfall verstecken die Frauen die Beute von 110 000 Euro zum Teil in einem Nähkorb. Die 43-Jährige ist erstaunt über die Masse an Geld, sie will es angeblich wieder in den Vorraum der Sparkasse legen. Aber die Polizei ist schnell zur Stelle, überwältigt das Paar bei sich zu Hause. Später schreibt die 43-Jährige eine Entschuldigung an die Bank.

Das passt zu diesem Fall der Gegensätze. Während der Verhandlung kommt die Rede auf die Waffe zu sprechen: eine im Vergleich harmlose Soft-Air-Pistole, die angeblich als Geschenk für einen der beiden Söhne der 43-Jährigen gedacht war. Er bekam sie zunächst nicht, weil er ungezogen gewesen sein soll. Die des Bankraubs angeklagte 40-Jährige begründete ihm das so: „Wer sich nicht benimmt...“

Das Urteil: Drei Jahre Haft für beide. Die Jüngere erschrickt bei der Verkündung. All die Stunden zuvor sitzt sie fast reglos da, nur einmal wirkt sie fast sanft. Da geht es um ihre Arbeit als Altenpflegerin. Beide Frauen haben nach der Tat einen Job gefunden. Ob der ihr Spaß mache, wird die 40-Jährige gefragt: „Ja, er macht mir sehr viel Spaß.“ Da lächelt sie kurz.

Hintergrund: Frauen als Täter

Der Banküberfall auf die Sparkasse in Baunatal-Altenritte im Oktober 2015 hat auch deshalb für großes Aufsehen gesorgt, weil ihn zwei Frauen verübten. Statistiken der Polizei belegten kurz darauf, dass nur rund 25 Prozent der Tatverdächtigen in Stadt und Landkreis Kassel weiblich sind.

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