Schutzkonzept im gesamten Altkreis Kassel

Schauenburg und Baunatal: So werden Anwohner vor Hochwasser geschützt

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Stunden der Angst: Am Freitag, 31. Juli 1992, schob sich nach einem schweren Unwetter eine bis zu zwei Meter hohe Flutwelle durch Schauenburg und Baunatal. HNA-Leser Gerhard Reinhardt aus Altenritte fotografierte damals die Brücke über die Bauna in Altenritte, von der allerdings fast nichts mehr zu sehen ist. Nach diesem Hochwasser wurd das bislang umfassendste Hochwasserschutzprogramm im gesamten Altkreis umgesetzt.

Baunatal. Regenreich ist der Sommer 2017. An Nieste und Losse im östlichen Altkreis wäre es fast zu gefährlichen Situationen mit Hochwasser gekommen. Hätte das auch entlang der Bauna passieren können?

Hochwasser 1992 in Baunatal und Schauenburg 

Blitzartig brach das Unwetter über Baunatal und Schauenburg herein. Extremer Regen – in Hoof wurden 128 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gemessen – ließen die Bauna, sonst ein sanfter Bach, innerhalb kürzester zum reißenden Strom anschwellen. Die Flutwelle, bis zu zwei Meter hoch, riss alles mit, was ihr im Wege stand.

Bei Breitenbach wurde ein 40-jähriger Mann in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet, einige Familien verloren fast ihr ganzes Hab und Gut. Die Baunataler Werkstätten traf es besonders hart – noch Tage nach dem Hochwasser herrschte dort Chaos überall, Schlamm, verdreckte Kleidung, demolierte Maschinen, zerstörtes Inventar, herausgerissene Leitungen.

Freitag, 31. Juli 1992: Noch heute sprechen ältere Einwohner vom schlimmsten Hochwasser in Baunatal und Schauenburg seit Menschengedenken. Die Bilanz: 6,5 Millionen Euro Schaden an privatem wie auch an kommunalem Besitz.

Konzept für Hochwasserschutz 

Einfach zu viel Geld, um es noch einmal darauf ankommen zu lassen. So wurden politische Weichen gestellt, Mittel bereitgestellt und es sollte vernünftig geplant werden. 1995 beauftragte schließlich der Verband für Abwasserbeseitigung und Hochwasserschutz Baunatal-Schauenburg (VAH) Prof. Frank Tönsmann von der Gesamthochschule Kassel mit der Erstellung eines Hochwasserschutzkonzeptes für das gesamte Tal der Bauna.

Heute, über 20 Jahre danach, ist davon baulich alles umgesetzt. Tatsächlich verfügen die Ortslagen entlang des Flusslaufs aktuell über den wohl leistungsfähigsten Hochwasserschutz im gesamten Altkreis Kassel. Gekostet hat das alles 20 Mio. Euro.

Das Geheimnis liegt im Zusammenspiel verschiedener Einzelprojekte. Dazu gehören vor allem der Polder Schefferfeld (mit 234.000 Kubikmetern Fassungsvermögen), der Kleinstrückhalt Hoof (5600 Kubikmeter), das Rückhaltebecken Katzenmühle (74.000 Kubikmeter) – und natürlich das große Rückhaltebecken in Baunatal an der Hunsrückstraße (mit etwa 100.000 Kubikmetern Fassungsvermögen).

Hinzu kommen viele kleinere Hochwasserschutzvorhaben, die jedoch auf’s Ganze gesehen große Wirkung zeigen – dazu zählen auch die Reaktivierung von Überschwemmungszonen (wie die bei Altenritte), der naturnahe Gewässerausbau und die Renaturierung einzelner Gewässerabschnitte.

Horst Brixel

„Das alles schützt sogar vor Jahrhundertfluten wie der aus dem Jahr 1992“, sagt Horst Brixel, technischer Leiter beim VAH. Er selbst gerät schon fast ins Schwärmen, wenn er über die neuen Anlagen redet. Es sind nicht nur die enormen Aufnahmekapazitäten der einzelnen Rückhalteanlagen. „Sie sind alle für sich computergesteuert und sogar miteinander vernetzt“, sagt Brixel. Damit könne vor allem schnell auf ein plötzlich auftretendes Hochwasser reagiert werden. Das sei wichtig, da zeitlich zwischen einem Starkregen zum Beispiel im Habichtswald und dem Abfluss der Wassermassen durch das Tal der Bauna oft nur wenige Minuten lägen. „Zudem können wir mit der Steuerung das Verhältnis von Zu- und Abfluss entlang der gesamten Anlagenkette genau und optimal dosieren“, sagt Brixel. Auf diese Weise ließen sich vor allem hohe Flutspitzen sehr effektiv abdämpfen. „Mit der Realisierung unseres Schutzkonzeptes haben wir Überflutungen wie die von 1992 abgeschafft“, sagt Brixel.

Baunatal hat riesiges Hochwasserrückhaltebecken

Erst vor einigen Tagen wurde das letzte wichtige Glied in der Kette für den Hochwasserschutz für die Anrainer-Kommunen der Bauna fertiggestellt und eingeweiht – das Hochwasserrückhaltebecken in Baunatal an der Hunsrückstraße mit rund 100.000 Kubikmetern Fassungsvermögen. „Läuft die Anlage voll, erinnert sie an einen See – etwa fünf Fußballfelder groß“, sagt Horst Brixel, technischer Leiter beim Verband für Abwasserbeseitigung und Hochwasserschutz Baunatal-Schauenburg (VAH).

Das Becken wird von einem 660 Meter langen und bis zu 4,7 Meter hohen Damm umschlossen – darauf ist ein Geh- und Radweg eingebaut. Was schön aussieht, dient aber allein dem Schutz der Baunataler Ortsteile Kirchbauna und Guntershausen im unteren Lauf der Bauna. Im Falle eines 100-jährigen Hochwassers kann damit in Kirchbauna der Wasserspiegel um 36 Prozent gesenkt werden. In Guntershausen senkt sich der Wasserpegel immerhin noch um ein Viertel. „Das genügt, um Überschwemmungen zu vermeiden“, sagt Brixel. 

Die Wasserabgabe kann in jeder Situation optimal gesteuert werden. „Beginnt das Becken vollzulaufen, kann der Wasserauslass so geregelt werden, dass die Kapazität der Bauna im unteren Lauf voll ausgeschöpft werden kann, ohne jedoch dabei über die Ufer zu treten“, sagt Brixel. In dieser Zeit könne das Rückhaltebecken an der Hunsrückstraße weiter volllaufen, ohne dass zunächst Überschwemmungen zu befürchten sind. Mit anderen Worten: „Durch diese Becken werden vor allem die so gefährlichen Hochwasserspitzen weggepuffert“.

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