Horst Siebert blickt zurück

"Schmutzig, dreckig und heiß": Erinnerungen an die alte Ziegelei in Großenritte

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Gelungene Sprengung: Acht Kilogramm TNT-Sprengstoff waren nötig, um den 40 Meter hohen Schornstein aus den 30er-Jahren einstürzen zu lassen.

Baunatal. „Schmutzig, dreckig und heiß“, so beschreibt Horst Siebert die Arbeit in der Ziegelei Großenritte. Der heutige Pensionär war als junger Mann als Aushilfe dort tätig, um sich Geld für den Bau seines Hauses zu verdienen.

Die Arbeit war körperlich anstrengend und gefährlich – man konnte sich schnell die Finger an den heißen Ziegeln verbrennen. 1969 schloss das Unternehmen.

Erinnert sich an die schwere Arbeit in der Ziegelei: Horst Siebert. Foto: Paul

Sieberts Aufgabe war es, die Ziegeln aus dem Ofen zu holen und zum Abkühlen auf einen Wagen zu legen. „Für ganz eilige Aufträge mussten wir sie gleich auf die Ladefläche der Lastwägen schlichten“, erinnerte sich der Großenritter. Dabei musste er vorsichtig vorgehen, da die Ziegel im warmen Zustand leicht brechen konnten. Gebrannt wurde nur im Sommer. Die Ziegelei beschäftigte daher viele Aushilfen als Saisonarbeiter.

Die Ziegelei war wichtig für die Region, denn sie lieferte günstiges Baumaterial für den Bau von Eigenheimen. Auch Siebert verwendete diese Ziegel für die Innenwände seines Hauses. Er erinnert sich noch gut, wie er sie selbst von der Ziegelei abholte mit einem Einachsschlepper mit Anhänger.

Er muss einer der Letzten gewesen sein, denn die Qualität der Ziegel wurde immer schlechter, wie sich Siebert erinnert. Da in der Lehmgrube der Ziegelei immer weniger hochwertiger Lehm gefördert werden konnte, wurden die Ziegel porös und minderwertig.

Das hatte für Bauherren oftmals zurfolge, dass viele Ziegel beim Abkippen vom Anhänger bereits zerbrachen. Schließlich konnten die Ziegel nicht mehr zum Bauen verwendet werden. So mussten die Bauherren der Region auf andere Ziegeleien ausweichen, die wegen längerer Transportwege teurer waren. Die Ziegelei musste wegen der schlechter werdenden Lehmqualität gegen Ende des Jahres 1969 schließen, heißt es aus dem Baunataler Stadtarchiv.

Eine Minute zu zeitig: Die Sprengung des Schornsteins der Ziegelei zwischen Baunatal-Großenritte und Elgershausen erfolgte um 12.14 Uhr am 19. März 1971 und überraschte damit die Fotografen. Verabredet war die Sprengung für 12.15 Uhr.

Alles ist verschwunden

Auf dem Gelände der Ziegelei ist heute nichts mehr von ihrer damaligen Existenz zu sehen. Die tief ausgeschürfte Lehmgrube wurde wieder mit Erdreich aufgefüllt und lässt nichts mehr erkennen von ihrer Geschichte. Auch der hohe Schornstein, der Ofen und die Gebäude für Lager und Büro sind verschwunden.

Hintergrund

Zur Ziegelei zwischen dem Baunataler Stadtteil Großenritte und dem Schauenburger Ortsteil Elgershausen gibt es wenig sichere Daten. Recherchen des Stadtarchivs Baunatal ergaben, dass die Ziegelei wahrscheinlich bereits während des ersten Weltkrieges existierte. Gegen Ende des Jahres 1969 schloss sie, da die Qualität des Lehmes nicht mehr ausreichend war. Wie die HNA berichtete, wurde am 19.März 1971 der 40 Meter hohe Schornstein gesprengt. Er war in den 30er- Jahren errichtet worden. Acht Kilogramm TNT-Sprengstoff waren notwendig, um den maroden Schornstein einstürzen zu lassen. Die Soldaten des Panzer-Granadier-Bataillons 53 aus Fritzlar führten die Sprengung durch. Der letzte Besitzer der Ziegelei war Ludwig Bürger aus Elgershausen. 

Erinnert sich an die schwere Arbeit in der Ziegelei: Horst Siebert. Foto: Paul

Zur Person 

Horst Siebert (79) besuchte als gebürtiger Großenritter die Volksschule im Ort und wechselte dann nach Kassel auf das Realgymnasium am Wesertor. Danach war er als Aushilfe in der Ziegelei tätig. 1957 begann er bei der Deutschen Bahn eine Ausbildung und wurde 1995 schließlich Bundesbahnamtsrat. Er blieb dem Unternehmen 41 Jahre treu. Auch privat war Siebert erfolgreich. Als in Großenritte ein Tanzkurs angeboten wurde, entdeckten Siebert und seine Frau diesen Sport für sich. Gemeinsam tanzten sie auf über 130 Turnieren und erreichten dabei sogar die S-Klasse, die höchste deutsche Klasse der Tanzturniere. Zudem engagierte er sich zehn Jahre lang im Internetkaffee der AWO-Baunatal, wo er Internetkurse gab. Heute lebt er im Gertrudenstift in Großenritte. 

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