„Sicherheitslücken ohne Ende“

Unterschlagung in Baunatal: Freispruch für Angeklagten aus Kassel

Baunatal. Auf Kosten der Staatskasse freigesprochen hat das Amtsgericht Kassel am Freitagnachmittag einen 33 Jahre alten Mann aus Kassel.

Der Kaufmann im Einzelhandel war wegen des Verdachts der veruntreuenden Unterschlagung angeklagt. Am Ende stellte die Richterin fest, dass „letzte Zweifel bleiben” und es beim Abholen des Geldes in einem Einkaufsmarkt in Baunatal einige Sicherheitslücken gebe.

Der Mann, der jetzt als Nachtwächter arbeitet, war im Februar 2013 noch stellvertretender Filialleiter des Lebensmittelmarktes. Laut Staatsanwaltschaft soll er an zwei Tagen die Tageseinnahmen von jeweils über 8000 Euro nicht zur Abholung einer Geldtransportfirma gegeben, sondern für sich verwendet haben. In der über dreistündigen Verhandlung ergaben sich viele offene Fragen. Am Ende sprach die Richterin beim Verkünden des Urteils von Fehlern im System. Gemeint war das Sicherheitssystem beim Abtransport des Geldes. An drei Tagen in der Woche kommt das Geldtransportunternehmen zu unterschiedlichen Zeiten in die Filiale. Dessen Leiter nennt diese Dienstleistung Geldentsorgung.

Der Angeklagte solle die beiden Tageseinnahmen von über 16 000 Euro „seinem eigenen Vermögen zugeführt haben”, sagte der Staatsanwalt zu Beginn der Verhandlung. „Was ist da dran?”, fragte die Richterin. „Nichts”, antwortete der Angeklagte.

Er schilderte – wie auch der Filialleiter – bis ins letzte Detail, wie die Einnahmen unter dem Vier-Augen-Prinzip gezählt, in die Geldkassetten aus Kunststoff gepackt und in den hauseigenen Tresor geworfen wird. Für den inneren Tresor mit dem Geld hat nur die Transportfirma den Schlüssel. Der Staatsanwalt hakte kritisch nach, ob es Lücken gebe, und formulierte später, das seien ja „Sicherheitslücken ohne Ende”. Warum der Angeklagte denn in Verdacht gekommen sei. „Er hatte die Verantwortung”, lautete die Antwort des Filialleiters.

Die Beweisaufnahme erwies sich als so problematisch, dass die Richterin nach der Vernehmung des zweiten Zeugen sagte: „Vielleicht stehe ich auf dem Schlauch.” Die Frage, wie alles gewesen sei, sei schlichtweg nicht nachzuvollziehen. „Sehen Sie eine Aufklärungsmöglichkeit?”, fragte die Richterin den Staatsanwalt. Der sah die Möglichkeit der Manipulation, und es sei nicht auszuschließen, dass das Geld „auch woanders abhanden gekommen ist”. Auch vom „leichtfertigen Umgang” mit dem Geld sprach er, „wir können es nicht aufklären”.

„Die Kontrolle fehlt”, meinte der Staatsanwalt, „ich habe zu viel Zweifel”. Dem Antrag auf Freispruch schloss sich der Anwalt des Angeklagten an: „Das Sicherheitssystem scheitert, wenn man es nicht konsequent zu Ende führt.” Der 33-Jährige, begleitet von seiner Mutter, war erleichtert: „Ich bin froh über das Urteil, weil ich unschuldig bin.”

Von Manfred Schaake

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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