Teile werden auf 180.000 Quadratmetern gelagert

Weltweiter Versand von VW-Original-Teilen ist ein ausgeklügeltes Chaos

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Fahrt durchs Haupttor am OTC 1: Von hier aus werden VW-Original-Teile in die ganze Welt verschickt. Der Konzernbereich bei Volkswagen heißt seit einiger Zeit „After Sales“.

Baunatal. Die VW-Original-Teile werden auf den ersten Blick chaotisch gelagert. Doch dahinter steckt ein raffiniertes System. Wir haben uns angeschaut, wie der weltweite Versand funktioniert.

Die Zufriedenheit der Kunden und die starke Ausrichtung auf den Kunden bei Volkswagen – das ist Imelda Labbé (49) wichtig. Seit vergangenen August ist die Betriebswirtin die globale Leiterin des After Sales-Bereich im Wolfsburger Autokonzern.

Zuvor war sie Sprecherin der Geschäftsführung von Skôda Deutschland. Gearbeitet hat die gebürtige Pfälzerin auch schon bei Opel Deutschland und viele Jahre im After Sales-Bereich bei General Motors. After Sales steht für alles, was nach dem Autoverkauf kommt: Mögliche Ersatzteile, Serviceleistungen wie Öl – und Reifenwechsel, aber auch Clever Repair für zeitsparende Reparaturen.

Nun ist ihr Büro inmitten der fünf Hallen des Original Teile Center (OTC 1 bis 5) – „1,2 Millionen Quadratmeter Fläche, verteilt auf fünf Hallen“, spult sie die Fakten wie auf Knopfdruck ab und lacht dabei. Nein, als Herrin über tausende von Teilen, möchte sie nicht gesehen werden. Sie spricht von Prozessen, von Big Data, wenn es um die Abläufe in den Hallen geht, von Software-Programmen, um in der „chaotischen Lagerung“ all die Teile zu finden, die der Kunde binnen 24 Stunden braucht.

Seit August Chefin im OTC in Baunatal: Imelda Labbé. Sie hat den Blick auf 1,2 Millionen Quadratmeter Fläche, wie das Foto im Hintergrund andeutet.

Chaotische Lagerung hat nichts mit Hempels Sofa zu tun, sondern ist ein ausgeklügeltes System, um den vorhandenen Lagerplatz optimal zu nutzen. Im Prinzip geht es darum, dass eine Anzahl von Teilen eine bestimmte Menge Platz braucht. Dabei ist es völlig egal, wo sich diese Fläche in der Halle befindet. So kann es theoretisch sein, dass die Schwingungstilger, die für einen Teil der Dieselfahrzeuge zur Umrüstung gebraucht werden, irgendwo zwischen Getriebeteilen und Scheibenwischern lagern – theoretisch, wie gesagt. „Ziel ist es, die Flächen optimal und vollständig zu nutzen“, erklärt Labbé.

Um ein Ersatzteil so zu verstauen, dass es auf Knopfruck auffindbar ist, braucht es jede Menge Software. Lagerung ist im OTC kein abgeschlossener Prozess. Um Händler und Werkstätten, die in Deutschland zweimal pro Tag beliefert werden, zu unterstützen, werden die Softwareprozesse permanent optimiert.

Bereits bei der Bestellung eines Ersatzteils am Computer soll der Mitarbeiter im Kfz-Handwerk sehen, was er zusätzlich braucht, um die Reparatur auszuführen. „Wenn ich bei Amazon ein rotes Kleid bestelle, zeigt mir Amazon auch rote Schuhe an“, sagt Labbé und lacht.

Die Auswertung der Daten lässt Rückschlüsse zu, was, zu welcher Zeit gebraucht wird. So ist der Anstieg von Karosserieteilen in einem harten Winter, nahezu ein Selbstläufer. Doch diese Teile sind groß, sperrig, brauchen Platz und der kostet. Deshalb gebe es einen intensiven Dialog mit Werkleiter Thorsten Jablonski, um Ressourcen des Karosseriebaus im VW-Werk Kassel zu nutzen und Teile dort direkt zu fertigen. Das Werk könnte durch diese Fabrik in der Fabrik Stellen sichern. Entscheidend sind die Kosten und die richten sich dabei auch nach der optimalen Losgröße: Wie viele Teile müssen gelagert werden, um dem selbst gesteckten Ziel von 15 Jahren Liefergarantie von Originalteilen gerecht zu werden.

Doch auch das OTC muss die eigene Effizienz und Produktivität steigern. Zu den Zielen verrät Labbé nichts. Im vergangenen Geschäftsjahr lag der Umsatz bei 15,22 Milliarden Euro, im Jahr zuvor waren es 14,62 Milliarden Euro. 2433 Menschen arbeiten in den Baunataler Hallen. Hinzu kommen noch weitere gut 300 Beschäftigte in den Depots (den OTLG) in der Fläche. 

Teile werden auf 180.000 Quadratmetern gelagert

Vom Entertainment-System über unzählige Fahr-Assistenten bis zum letztendlich autonom fahrenden Auto die Zahl elektronischer Bauteile in einem Fahrzeug nehmen zu. "Das Sortiment steigt kontinuierlich", sagt Imelda Labbé, seit August Leiterin des Original-Teile-Centers (OTC) in Baunatal. Doch für immer mehr Teile braucht ein Logistiker üblicherweise mehr Platz.

Den Raum für zusätzliche Autoteile schaffe man aktuell durch Umorganisation auf den bestehenden Lagerflächen, sagt Labbé. "Es werden Flächen vorgehalten, damit wir auch langfristig die Möglichkeit haben, die Hallen zu erweitern. Aktuell haben wir aber keinen Bedarf", erläutert sie weiter und erteilt damit einem baldigen Ausbau von Europas größtem Ersatzteilzentrum in Baunatal eine Absage. "Wir fokussieren uns darauf, die bestehenden Hallen zu optimieren."

Ganz modern gestaltet: Der Bereich Seefracht im OTC wurde jüngst neu aufgebaut. Die Teile kommen voll automatisch an die Verladeplätze.

Seit fast zehn Jahren hält die Stadt Baunatal 180.000 Quadratmeter Gelände neben dem OTC 5 bereit. Die letzte große Halle war im Oktober 2009 in Betrieb gegangen. Erweitert wurde das Original-Teile-Center dann noch einmal 2012 mit einem Anbau an das OTC 4 mit einer Fläche von 45.000 Quadratmetern.

Eine Erweiterung des VW-Ersatzteilgeschäftes findet aktuell lediglich in Breuna statt. Im Gewerbegebiet Hiddeser Feld baut die Firma Hellmann Investment eine 20.000 Quadratmeter große Halle für VW Classic Parts. Dabei handelt es sich um eine 100-prozentige Tochter des Geschäftsbereichs After Sales. Vertrieben werden über diese Schiene Autoteile, die älter als 15 Jahre sind.

Übrigens: Auch der VW-Abgasskandal hat den Teilebestand im OTC in Baunatal angehoben. Laut Labbé werden die Strömungsgleichrichter und so genannte Schwingungstilger für die Umrüstaktion natürlich in Baunatal gelagert. Da es sich um relativ kleine Teile handele, falle das nicht besonders ins Gewicht, sagt die 49-Jährige. Immerhin: Insgesamt sollen in Europa 2,6 Millionen 1,6-Liter-Motoren des Typs EA 189 mit diesen Teilen ausgestattet werden. Für alle anderen Motorvarianten ist lediglich ein Update der Software notwendig.

Was es mit der Mindesthaltbarkeit von Autoteilen auf sich hat

Nicht alles lässt sich beliebig lange lagern. Deshalb gibt es auch bei bestimmten Autoteilen ein Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). Denn Materialien wie Gummi oder Kunststoffe verlieren mit der Zeit ihre Eigenschaften. Das gleiche gilt für Funktionsflüssigkeiten wie Öle. So kann es sein, dass beigefügtes Fett bei Reparatursätzen nach Ablauf des MHD seine Zähflüssigkeit verliert. Gleiches gilt für Getriebeöl. Bei Teilen wie etwa Scheibenwischblätter, die oft nachgefragt werden, macht solch ein Datum wenig Sinn.

Zur Person

Imelda Labbé (49) ist Diplom-Betriebswirtin und ist seit August 2016 globale Leiterin des Bereichs After Sales im VW-Konzern. Seit 2013 war sie Sprecherin der Geschäftsführung von Skoda Auto Deutschland. Zuvor hatte sie seit 1996 in verschiedenen Funktionen bei General Motors und Opel Verantwortung getragen – unter anderem als Director Quality in Antwerpen, als Executive Director After Sales, als Executive Director Verkauf, Marketing & After Sales Deutschland, zuletzt bis zu ihrem Wechsel zu Skoda Auto Deutschland bei Opel als Executive Director Financial Services. Labbé lebt in Kassel. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

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