Betroffene fühlen sich übergangen

Streit um Behindertenhilfe: Landeswohlfahrtsverband kämpft um Erhalt

Baunatal/Kassel. Der Landeswohlfahrtsverband kämpft um seinen Erhalt. In der Diskussion um die Zukunft der Behindertenhilfe in Hessen haben sich Betroffene jetzt selbst zu Wort gemeldet.

Der Gesamtwerkstattrat der bdks – Baunataler Diakonie Kassel fordert stellvertretend für 1400 Menschen mit Handicap, die bei der bdks arbeiten und wohnen, weiterhin vom Landeswohlfahrtsverband (LWV) beraten und betreut zu werden.

Bislang finanziert und organisiert der LWV die Behindertenhilfe in Hessen. Doch das neue Bundesteilhabegesetz (BTHG) macht bis zum Jahr 2020 eine Neuregelung notwendig. Das Land muss entscheiden, wer ab dann die Kosten für die Unterstützung von erwachsenen behinderten Menschen in Hessen trägt und sie betreut. Ein Modell ist, diese Aufgaben künftig in die Hände der Kommunen zu legen. Bislang finanzieren sie den LWV über eine Verbandsumlage. Großstädte wie Frankfurt zahlen dabei in der Regel mehr in das Solidarsystem ein, als der Verband für die dort lebenden behinderten Menschen ausgibt.

Robert Freund

Robert Freund, Sabrina Albrecht und Thomas Timmerbeil vom Gesamtwerkstattrat der bdks sind selbst gehandicapt. Sie kennen die Sorgen und Nöte von Menschen mit Behinderungen. Sie haben Angst, dass es zu einer Zweiklassengesellschaft führt, wenn sich künftig die Städte und Landkreise um die Behindertenhilfe kümmern. „Die Städte haben mehr Geld und dort werden dann die Werkstätten sein“, fürchtet Freund. Entweder die Betroffenen müssten pendeln – für viele Menschen mit Handicap ist das nicht unproblematisch – oder sie müssten in die Stadt ziehen. „Und das ist sehr teuer“, so Freund. Derzeit sorge mit dem LWV ein Verband zentral dafür, dass alle Menschen mit Behinderungen die gleichen Leistungen bekommen. Freund und seine Kollegen befürchten, dass das heutige Niveau in den Wohnheimen und Werkstätten bei einer dezentralen Lösung nicht gehalten wird.

Sabrina Albrecht

Die größte Sorge der drei aber ist, dass der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt steht. „Beim LWV werden wir als Menschen auf Augenhöhe gesehen“, sagt Timmerbeil. Es gebe vertraute und kompetente Ansprechpartner. „Wenn wir etwas klären müssen, ist immer jemand da, der Zeit, Geduld und Verständnis für unsere Situation hat und sich bestens auskennt.“ Bei der kommunalen Lösung befürchtet er, auf eine Fallnummer reduziert zu werden.

Thomas Timmerbeil

Albrecht, Freund und Timmerbeil fühlen sich in der Debatte um die Behindertenhilfe in Hessen übergangen. „Das BTHG sichert Menschen mit Behinderung das Recht auf Selbstbestimmung zu. Die Diskussion um den LWV wird aber ohne uns geführt“, beklagt Timmerbeil. Das komme einer Bevormundung gleich. Er hofft, dass sich das künftig ändert und die Betroffenen selbst in die Entscheidung mit einbezogen werden.

Hintergrund: Die Zukunft des LWV steht auf dem Spiel

Der Landeswohlfahrtsverband beschäftigt rund 1140 Mitarbeiter an den drei Verwaltungsstandorten in Kassel, Frankfurt und Darmstadt. Er finanziert die Hilfen für 57.800 behinderte Menschen in Hessen. Wenn künftig die Kommunen Kostenträger für deren Unterstützung werden und den LWV ablösen, könnte das das Ende des Verbands bedeuten. Eine Übertragung auf die Kommunen würde den Wegfall des größten Haushaltsbereichs und der wichtigsten Aufgabe des LWV bedeuten.

Rubriklistenbild: © dpa

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