Mitglieder der Organisation Sea Shepherd

Baunataler berichtet: 61 Wale sterben in anderthalb Stunden

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Drei Wochen lang war Marcel Bürger aus Baunatal (links) mit Johann Santen (Mitte) und Arne Ziebarth auf den Färöer-Inseln. Ihr Ziel war es, die dort traditionelle Massenschlachtung von Walen zu verhindern. 

Baunatal. Zwei Tage hat er gebraucht, um das Blutbad zu verkraften. Er hat geheult, gekotzt, kaum geschlafen. 

Er hat gefilmt, wie am 12. August in Sandavágur auf den Färöer-Inseln im Nordatlantik binnen anderthalb Stunden 61 Grindwale gefangen und geschlachtet wurden - mit sogenannten Grindhaken und Lanzen, die den Tieren erst ins Atemloch, dann ins Rückenmark getrieben werden. Die Bilder sind auf YouTube zu sehen.

Er, das ist Arne Ziebarth, 19, aus Hildesheim. Zusammen mit Marcel Bürger, 24, aus Baunatal und Johann Santen, 36, aus Göttingen hat er sich der Organisation Sea Shepherd (Meereshirte) angeschlossen. Es geht ihnen um Walschutz, „dieses sinnlose Töten soll ein Ende haben“, sagt Bürger, der in Göttingen BWL studiert.

Hunderte Wale pro Jahr

Drei Wochen waren sie auf den Färöer-Inseln weit im Norden, wo im Winter monatelang Eis und Schnee regieren. Die Inselgruppe ist autonom, gehört jedoch der dänischen Krone an. „Es sind harte Szenen, die sich da jedes Jahr abspielen“, sagt Bürger. Jeden Sommer würden Hunderte Wale auf den Färöer-Inseln bei sogenannten Grinds getötet - aus Gründen des traditionellen Nahrungserwerbs.

„Hunderte Leute sind daran beteiligt oder schauen zu, darunter auch Kinder.“

Immer, wenn die Grindwale in großen Pulks - sogenannten Walschulen - an der Inselgruppe vorbeiziehen, treiben Einheimische mit motorisierten Schlauchbooten einzelne Gruppen in Buchten zusammen. Geraten sie in Ufernähe, werden die Meeressäuger mit Lanzen gelähmt und getötet. Nach einem Schnitt durch die Halsschlagader lässt man sie im Wasser ausbluten. „Hunderte Leute sind daran beteiligt oder schauen zu, darunter auch Kinder“, sagt Bürger.

Für ihn ist das unerträglich. Er war zum ersten Mal bei einer Sea-Shepherd-Kampagne zum Schutz von Grindwalen dabei. Die Kampagne läuft noch, deshalb will er nicht sagen, wie genau Sea Shepherd auf den Färöer-Inseln agiert. „Denn dort ist schon das bloße Stören eines Grinds gesetzlich verboten.“ So wurden bereits fünf seiner Kollegen, die sich am 12. August zwischen Wale und Walfänger warfen, von der Polizei festgenommen. Ihnen drohen nun hohe Geld- oder Haftstrafen.

Marine schützt Walfänge

„Dabei hat Dänemark als EU-Land den Walfang per Gesetz längst verboten“, sagt Bürger. Dennoch stünden die Grinds inzwischen zum zweiten Mal unter dem Schutz der dänischen Marine.

Grund ist, dass laut der Internationalen Walfangkommission (IWC) indigene Völker zum Eigenbedarf immer noch Wale jagen dürfen. „Die Leute auf den Färöer-Inseln sind mächtig stolz darauf und denken gar nicht daran, den Grindwalfang aufzugeben“, sagt Bürger. So versuche Sea Shepherd schon im sechsten Jahr mit eigenen Schiffen, die Waljagd zu verhindern. „Nur wegen unserer Hartnäckigkeit ist überhaupt die Marine hinzugezogen worden.“

Im Jahr 2014 seien noch einige Grinds vereitelt worden. Wie erfolgreich die aktuelle Kampagne sei, sei noch nicht abzuschätzen. Nur so viel: „Wir sind weiter vor Ort und tun, was wir tun können - wenigstens dokumentieren.“

Bürger und seine Kollegen lieben die Färöer-Inseln. „Die Gegend ist wunderschön, die Leute sind sehr nett. Doch plötzlich beginnt diese scheußlichen Walschlachterei.“ Es gebe Fotos, auf denen ungeborene Wal-Kälber tot neben ihrer bereits ausgeweideten Müttern liegen. „Das sind Bilder, die man nicht vergisst“, sagt Bürger.

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