Trotz Sparpaket könnte er 400 Mitarbeiter einstellen

VW-Werkleiter Jablonski: „Wir sind auf hohem Niveau ausgelastet“

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VW-Werkleiter im Gespräch: Thorsten Jablonski freut sich unter anderem über eine hohe Identifikation der Menschen aus der Region mit dem VW-Werk in Baunatal.  

Baunatal. Volkswagen steht vor einem zukunftsweisendem Umbau. Wie kommt der Standort Kassel voran? In was wird investiert? Wir sprachen mit Werkleiter Thorsten Jablonski. 

Momentan dominiert Volkswagen mit schlechten Meldungen die Schlagzeilen. Welche Nachricht würden Sie persönlich bis zum Jahresende lesen?

Thorsten Jablonski: Mein Wunsch: Vertrauen der Kunden ist wieder hergestellt.

Der Fahrzeugabsatz ist hierzulande eingebrochen. Schlägt das auf das Werk Kassel durch?

Jablonski: Wir spüren das derzeit nicht. Wir sind immer noch auf einem sehr hohen Niveau ausgelastet. Die prognostizierten Kundenbedarfe des Vertriebs übersteigen in 2018 unsere installierten Kapazitäten. Da muss uns noch was einfallen. Wir versuchen, über Arbeitszeiten und über Schichtmodelle zu variieren. Neue Maschinen aufzubauen dauert zu lange.

Vor der Sommerpause war unklar, ob 130 Leiharbeiter, deren Verträge in diesem Jahr nach 36 Monaten auslaufen, übernommen werden. Wie sieht es nun aus?

Jablonski: Das ist in trockenen Tüchern. Wir sind wegen der guten Auftragssituation in der Lage, auch in 2017 Leiharbeitnehmer übernehmen zu können. Bis August 2017 wurden 400 Leiharbeitnehmer befristet übernommen.

Nach den Vorgaben des Zukunftspakts sollen Sie zehn Prozent des Personals in zwei Jahren abbauen. Wie weit ist diese Vorgabe schon umgesetzt?

Jablonski: Wir bauen Personal ausschließlich über die normale Fluktuation und Altersteilzeit ab. Wir haben 2016 begonnen und haben dafür drei Jahre Zeit. Für dieses Jahr werden wir unser Ziel erreichen.

Unlängst wurde der Standort von VW-Markenchef Herbert Diess gelobt, weil Kassel so effizient geworden ist. Was haben Sie gemacht, wo wurde gespart?

Jablonski: Im Rahmen des Zukunftspakts haben wir dem Vorstand Produktivitätsfortschritte im direkten und indirekten Bereich zugesagt. Als Standortmanagement haben wir uns das Ziel gesetzt, 7,5 Prozent Produktivität zu erreichen. Unter Beteiligung der Mannschaft sind viele gute Maßnahmen erarbeitet und nachhaltig umgesetzt worden, sodass wir es geschafft haben, 800 Mitarbeiter freizuspielen. Dieses Personal haben wir in die Fertigung von Direktschaltgetrieben eingesetzt, da wir hier im Umsatz und Volumen deutlich gewachsen sind.

Was haben Sie verbessert?

Jablonski: Wir haben unsere Sachgemeinkosten, das sind die Kosten für Werkzeuge, Ersatzteile und Energie, trotz der hohen Umsatz- und Volumensteigerungen im Vergleich zum Vorjahr um rund 20 Millionen Euro reduziert. Besonders stolz bin ich darauf, dass der Weg feststeht, wie wir das Sparen in den nächsten Jahren nachhaltig fortsetzen.

Lässt sich dies auch an Produkten festmachen?

Jablonski: Ja, zum Beispiel an den warmumgeformten Karosserieteilen, die in der Halle 2 gefertigt werden. Der Bereich arbeitet nach zahlreichen Restrukturierungsmaßnahmen hochwirtschaftlich im Vergleich zum internationalen Wettbewerb. Dadurch werden wir auch in den nächsten Jahren kontinuierlich Effizienzen heben.

In der Gießerei konnten zum Beispiel bei Getriebegehäusen aus Aluminium die Rohmaterialkosten deutlich gesenkt werden. Durch weitere Optimierungen im Schmelzwerk können zukünftig auch Aluspäne eingeschmolzen werden, die in großen Mengen in der mechanischen Fertigung anfallen. Damit schaffen wir eine sinnvolle Kreislaufwirtschaft, die ökologisch und wirtschaftlich hocheffizient ist. Das bringt uns einen erheblichen Wettbewerbsvorteil, bei dem wir circa ein Drittel weniger für das Rohmaterial ausgeben.

Wie sieht es in der Fertigung des E-Antriebs aus? Ist da überhaupt noch etwas möglich?

Jablonski: Ja, das ging durch eine geschlossene Mannschaftsleistung. Alle Beteiligten haben hart dafür gearbeitet, um die Kosten gegenüber dem heutigen E-Antrieb mehr als zu halbieren. Damit haben wir im weltweiten Vergleich den Auftrag für den elektrischen Antrieb erhalten. In diesem Jahr haben wir durch weitere konstruktive Optimierungen den Preis nochmals um zehn Prozent reduziert.

Wie reden viel über das Sparen, aber wird auch Geld in den Standort investiert?

Jablonski: Wir investieren wie in den Vorjahren rund 300 Millionen Euro. Das wird auch in den nächsten Jahren so bleiben. Aber wir wandeln unsere Investitionen ab 2018 hauptsächlich in den Bereich der Elektrifizierung.

In welche Produkte fließen die Millionen?

Jablonski: Wir werden in den nächsten Jahren viel Geld in die reinen E-Antriebe und Plugin-Hybride stecken. Die Investitionen in die Direktschaltgetriebe werden sich entsprechend reduzieren, da diese in 2018 technologisch auf dem neusten Stand angekommen sind.

Es gibt Stimmen, die sagen, man sollte Geld nicht in den E-Antrieb, sondern in die notwendige Software stecken. Was halten Sie davon?

Jablonski: Diese Auffassung ist technisch so nicht zu belegen. Es gibt einen deutlichen Unterschied in der Effizienz der Antriebe. Sie bekommen auf dem Markt nicht die E-Motoren, wie sie sie haben wollen. Deshalb bauen alle großen Marken ihre E-Antriebe auch selber. Effizienz in E-Antrieben holen sie über Magnetkreisauslegung und Effizienzen in der Mechanik.

Am Standort werden auch Abgassysteme gebaut. Was hat sich in diesem sensiblen Bereich getan?

Jablonski: Abgasanlagen sind inzwischen kleine Chemiefabriken. Da haben wir im vergangenen Jahr einige Aufträge auch im externen Vergleich für Kassel gewinnen können. Auch in diesem Bereich sind wir zudem wesentlich effizienter geworden. Hier hat die Mannschaft einen hervorragenden Job gemacht. Ein Bauteil aus dem Jahr 2012 werden wir im Jahr 2019 nur noch mit einem Drittel des Personals bauen. Dennoch arbeiten nach wie vor rund 600 Beschäftigte in der Abgasanlagenfertigung, da die Bauteile immer komplexer werden.

Thorsten Jablonski über ...

. . . die Halle 1

Sie wird komplett neu gestaltet. Unter anderem soll dort bald der Hybrid-Antrieb für die großen Audi-Modelle gefertigt werden. Das startet im Jahr 2018. Wir sind jetzt gerade in den Vorserien. Die Produktion beginnt mit einem Volumen von rund 50 Antrieben pro Tag. Wir gehen aber davon aus, dass die Nachfrage gegenüber den Prognosen von heute deutlich steigen wird.

. . . e-Ladesäulen

Wir wollen insgesamt 40 Ladepunkte rund um das Werk schaffen. Aber viele stellen derzeit Förderanträge für Ladesäulen. Da gibt es einen Stau in der Antragsbearbeitung in Berlin. Wir warten jetzt schon ein halbes Jahr darauf.

. . . Veränderung

Wir sind mit dem Zukunftspakt auf dem richtigen Weg, die Transformation in Richtung E-Mobilität weiter zu gestalten. Parallel dazu werden wir weiterhin auf höchstem Niveau alle zukunftsfähigen Produkte wirtschaftlich fertigen und Innovationen weiter vorantreiben. Die größten Veränderungen werden bei uns in erster Linie in der Halle 1 zu sehen sein.

Zur Person

Thorsten Jablonski (48), geboren in Peine, studierte Maschinenbau an der TU Braunschweig. 1994 stieg der Maschinen- bau-Ingenieur als Volontär bei Volkswagen ein. Als Ent-wickler für Hinterachsen baute er ab 1996 die neu gegründete Entwicklung in Braunschweig mit auf. Von 1998 bis 2001 war er Referent für den Betriebsrat. 2001 übernahm er für drei Jahre die Lenkungsfertigung im Werk Braunschweig.  2009 zog er als Leiter der Lenkungsentwicklung mit seinem Team in das Kompetenzcenter Lenkung. 

Juni 2012 bis Dezember 2015 übernahm er die Leitung des VW-Werkes Braunschweig. Neben dieser Funktion leitete er in Personalunion die Komponentenentwicklung und war zuständig für das Geschäftsfeld Fahrwerk (bis Mai 2012). Mitte Januar 2016 übernahm er die Leitung des VW-Werks Kassel in Baunatal. In Personalunion ist er Leiter des Geschäftsfeldes Getriebe im VW-Konzern. Privat: Jablonski ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Hobby: Fußball.

Dies oder das, Herr Jablonski? 

SUV oder E-Auto? -> E-Auto

Werk oder Urlaub? -> Urlaub

Kassel oder Peine? -> Landschaftlich: Kassel

Joggingschuh oder Pantoffel? -> Joggingschuh

Meer oder Berge? -> Meer 

Hochzeitstag oder Werksmanagement? -> Hochzeitstag

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