Und Schulz wankt nicht

So war der Parteitag des SPD-Bezirks Nord: Ein Stimmungsbericht von der Basis

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Er war auch da – zumindest als Pappfigur: Martin Schulz vor dem Motto der SPD „Zeit für mehr Gerechtigkeit“.  

Baunatal. Der SPD-Bezirk Nord stellt die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz nicht infrage. Was sonst noch auf dem Parteitag in Baunatal los war und was ein Hund da zu suchen hatte.

Als Manfred Schaub während dieses Parteitags des SPD-Bezirks Hessen-Nord erstmals auf den Kanzlerkandidaten der Genossen zu sprechen kommt, sind schon 54 Minuten vergangen. Und dann auch noch das: „Dahinten bei Martin Schulz wackelt es“, bemerkt der Vorsitzende Schaub – und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wand am anderen Ende der Baunataler Stadthalle.

In der Tat wirkt dort einiges instabil, was die Poster mit Schulz und der SPD-Politik anbelangt. Mehr Symbolik geht ja gar nicht in diesen Tagen, in denen die SPD zwei krachende Niederlagen bei Landtagswahlen verarbeiten muss. Das Poster wackelt, Martin Schulz wackelt, die SPD wackelt.

Also mal wieder ein Blick auf die Basis und auf diesen Parteitag, in dessen Verlauf Manfred Schaub zum siebten Mal als Vorsitzender bestätigt werden soll. Die Genossen im Tal der Tränen? Schaub gibt selbst die Richtung vor mit dem Verweis auf den wackelnden Schulz. Er macht aus der Not eine Tugend, indem er mit der Situation spielt. Ein kleiner Witz kann ja nie schaden.

Vielleicht hat Schaub einfach die Lehren gezogen aus den Fernsehbildern von Sonntag und Montag, als das Spitzenpersonal der Sozialdemokraten so trist die jüngste Schlappe analysierte, dass Parteivize Ralf Stegner auf einer Griesgram-Skala, die von Null bis Zehn geht, glatt eine Elf bekommen hätte.

Schaub und später auch der Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel vermitteln einen anderen Eindruck: Sie sprechen von einer Delle, von einem zu hohen Hype um Schulz und einer großen Fallhöhe. Gleichzeitig aber wollen sie nicht zulassen, dass nun alles schlecht gesehen wird: Schulz nicht, die SPD nicht, die aktuelle Situation nicht – und vor allem nicht die eigene Themensetzung. Die Botschaft ist klar: Profil stärken, mehr auf Inhalte setzen, ohne alles über den Haufen zu werfen.

Thorsten Schäfer-Gümbel und Manfred Schaub.

Kurs halten also – das betrifft vor allem das Überthema der SPD im Wahlkampf: Gerechtigkeit. Schaub unterstreicht die Bedeutung dieses Themas. Dass Schäfer-Gümbel es genauso sieht, braucht er nicht zu betonen, sein Referat heißt: „Zeit für mehr Gerechtigkeit.“ Ein paar Spitzen gegen die Konkurrenz in Sachen Sicherheitspolitik können sich beide aber nicht verkneifen.

Die Basis zieht durchaus mit. Helmut Depta (73) aus Immenhausen zum Beispiel trägt eine Kappe mit einem Sticker: „Zeit für Martin“ steht auf ihm. Zweifel? Keine. Natürlich hätten die jüngsten Wahlen viele schockiert, aber jetzt gehe es weiter. „Wir haben noch alle Chancen“, sagt Depta gelassen. Ähnlich sieht es Johannes Gerken vom Kasseler Ortsverband Nord-Holland: Schulz stellt er nicht infrage, aber klar sei: „Nur mit einer Person geht es nicht.“ Er sagt das mit der Lockerheit eines 28-Jährigen.

Das Tal der Tränen sieht anders aus. Bei der Aussprache wird nur ein Delegierter aus Marburg etwas deutlicher, er spricht vom blumigen Schulz-Hype. Ansonsten? Alles recht entspannt. An der Wand steht auch Martin Schulz als Pappaufsteller. Er wankt nicht.

Wer nach der Rede von Thorsten Schäfer-Gümbel kräftig bellte

Baunatal Als der SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel sein Referat beim Parteitag des Bezirks Hessen-Nord nach einer Dreiviertelstunde beendete, war in der Baunataler Stadthalle nicht nur Applaus zu vernehmen, sondern auch ein ziemlich lautes Bellen. Und so recht wusste niemand, ob Gypsy die Laute nun als Anerkennung oder Protest von sich gab. Gypsy legte sich sogleich wieder hin und war für Interviews nicht mehr zu haben. Umso mehr fragte es sich, was oder vor allem wer da so los war.

Bei Veranstaltungen der SPD (fast) immer dabei: Carla Wuttke aus Trendelburg und Gypsy, der Sheltie.

Die Antwort gab dann letztlich Gypsys Frauchen Carla Wuttke, Delegierte aus dem SPD-Unterbezirk Kassel-Land. Wuttke kommt aus Trendelburg, und wenn sie zu den Parteiveranstaltungen geht, dann kommt sie immer in Begleitung ihres Hundes: Gypsy eben, ein Sheltie, dreieinhalb Jahre alt. "Er geht schon als Maskottchen durch", sagte Carla Wuttke. Zumindest machte Gypsy dann schon einen sehr routinierten Eindruck. Ab und an ging er mit Frauchen vor die Tür, mitunter wurde er von Genossen gestreichelt, und außer diesem einen Wuff-Wuff nach Schäfer-Gümbels Rede gab es keine Auffälligkeiten mehr.

Schaub seit 2001 an der Spitze:

Im SPD-Bezirk Hessen-Nord sind acht Unterbezirke, 600 Ortsvereine und 18 250 Genossen vereint. Gerade in diesem Jahr gab es 450 Neuanmeldungen. Die Neuen zu integrieren, sei eine der Hauptaufgaben in nächster Zeit, sagte Manfred Schaub (59).

Der Baunataler Bürgermeister ist seit 2001 Vorsitzender des Bezirks. Am Samstag wurde er mit 92 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Er freute sich über "das beste Ergebnis, das ich je erzielt habe". Zu seinen Stellvertretern wurden die Europaabgeordnete Martina Werner mit 93,8 Prozent und Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies gewählt. Insgesamt waren 184 anwesende Delegierte stimmberechtigt.

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