Zwillinge lagen mit gebrochenen Knochen wochenlang in Wohnung

Mögliche Misshandlung von Zwillingen: Jugendamt hatte keine Hinweise

Kassel. Der Fall sorgte für Entsetzen: Ein Vater soll seine Zwillinge brutal misshandelt haben. Nachgewiesen werden konnte ihm das nicht. Nun muss sich das Jugendamt Fragen gefallen lassen.

Das Kasseler Amtsgericht hat die Vorwürfe wegen Misshandlung gegen einen 31-Jährigen aus Hofgeismar fallen gelassen. Dem Mann war vorgeworfen worden, dass er seinen kleinen Zwillingen in einer Kellerwohnung in einem Haus in Baunatal Knochenbrüche zugefügt haben soll. Das konnte ihm nicht nachgewiesen werden - so das Urteil des Kasseler Amtsgerichts. Nach dem Ende des Verfahrens bleiben allerdings Fragen offen – etwa zur Rolle des Jugendamtes des Landkreises.

Schon am Wohnort in Osnabrück war dem dortigen Jugendamt die Überforderung der Familie, zu der auch die Großmutter gehört, mit insgesamt fünf Kindern bekannt. Nach dem Umzug nach Baunatal sei das Jugendamt des Landkreises in Kassel über die problematische Situation informiert worden, hieß es in der Verhandlung.

„Die Familie zog im Oktober 2014 nach Baunatal“, berichtet Kreissprecher Andreas Bernhard auf Anfrage der HNA. „Im Zuge dieses Umzugs erhielt das Jugendamt des Landkreises Kassel vom Jugendamt des bisherigen Wohnorts den Hinweis, dass die Familie möglicherweise Unterstützungsbedarf habe. Einen Hinweis auf eventuelle Misshandlungen gab es nicht. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zwillinge noch nicht geboren.“

Nach der Geburt muss die Situation in dem Haus in Baunatal zunehmend eskaliert sein. In der Gerichtsverhandlung kam heraus, dass der Vater mit den Babys ins Kellergeschoss zog. Die Mutter gab an, keine emotionale Bindung zu den Kindern gehabt zu haben. In dem Haus soll es aufgrund von Alkoholkonsum zu ständigem Geschrei und zu Streit gekommen sein. Die Zwillinge lagen mit gebrochenen Knochen über Wochen in der Wohnung.

Hat das Jugendamt schon zu Beginn dieser dramatischen Phase etwas von der Entwicklung mitbekommen? Das Jugendamt habe nach der Geburt der Kinder Kontakt mit der Familie aufgenommen, berichtet Bernhard. „Bei einem Gespräch mit der Familie wurde diese über Unterstützungsmöglichkeiten und die sogenannten Frühen Hilfen informiert“, so der Kreissprecher weiter. „Dieses Angebot bietet unkomplizierte Hilfen durch eine Familienhebamme. Die Familie lehnte jedoch jegliche Unterstützung ab. Auch im Rahmen dieses Kontaktes gab es keinerlei Hinweise auf mögliche Misshandlungen“, sagt der Sprecher.

Krankenhaus reagierte

Erst als ein Kind Ende Februar 2015 mit einem Oberschenkelbruch ins Krankenhaus kam, fielen die alten Verletzungen und möglichen Misshandlungen auf. „Bei den Untersuchungen wurden ältere, nicht behandelte Knochenverletzungen durch die Ärzte festgestellt“, berichtet Andreas Bernhard. „In den darauf folgenden Tagen wurden dann auch alle anderen Kinder der Familie einer Untersuchung mit Skelett-Screening unterzogen. Bei dem zweiten Zwilling wurden dabei ebenfalls ältere, nicht behandelte Knochenbrüche festgestellt.“ Nach Angaben des Jugendamtes befinden sich die Zwillinge mittlerweile in Obhut des Landkreises. Die älteren Kinder seien auf Anordnung des Familiengerichtes an die Familie zurückgegeben worden. 

Rubriklistenbild: © dpa

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