Management und Betriebsrat weisen Kritik zurück

"Hier arbeitest du nicht mehr": Schwerbehinderter beklagt zunehmenden Druck bei VW

Baunatal. Etwa zwei Jahrzehnte hat Paul A. im VW-Werk Kassel in Baunatal gearbeitet, bevor er krank wurde. Mit einer Schwerbehinderung kam er zurück und der Druck stieg.

Der VW-Beschäftigte, der da beim Psychotherapeuten auf einem Sessel sitzt, spricht immer wieder von „Nicht-Wertschätzung“. Paul A. (Name von der Redaktion geändert) berichtet von seinem Arbeitsplatz bei VW in Baunatal. Er sei dort früher immer Ansprechpartner für alle gewesen, sagt er weiter, und er habe sich mit viel Engagement für das Unternehmen eingesetzt. Inzwischen sei alles anders.

Etwa zwei Jahrzehnte hat Paul A. auf einer Stelle im Getriebebau im VW-Werk Kassel in Baunatal gearbeitet, dann wurde er krank. „Burn-out“ lautete die Diagnose. Als der Mitarbeiter nach Monaten und mit einer Schwerbehinderung von 50 Prozent wiederkam – so berichten Paul A. sowie sein Kaufunger Psychotherapeut Thomas Bühler – sei er nur noch von Abteilung zu Abteilung gestoßen worden. „Hier arbeitest du nicht mehr“, habe man ihm in seinem alten Bereich gesagt.

Gespräche beim Gesundheitswesen im Baunataler Werk teilweise mit bis zu zehn Vorgesetzten hätten sich angeschlossen. Dabei sei er unter Druck gesetzt worden. Paul A. vermutet, dass ihm das Unternehmen unter anderem seinen Zuschlag für die Nachtschicht wegnehmen wolle. Das Geld bekommt er nämlich weiter monatlich ausgezahlt – so wie viele andere Schwerbehinderte im Werk auch –, obwohl er nur noch in der Normalschicht arbeitet. Laut Thomas Bühler würde das Streichen der Zuschläge eine Einbuße von etwa 800 Euro im Monat bedeuten. Und das sei ein Verstoß gegen ein Bundesgesetz. „Der Betrieb muss Dreischichtbetrieb weiter zahlen“, so Bühler.

Der Therapeut berichtet von insgesamt sieben Patienten bei ihm allein mit ähnlichen Problemen im VW-Werk in Baunatal. Der 63-Jährige verweist auf das Sozialgesetzbuch 12. Demnach sei es nicht gestattet, Arbeitnehmer, die laut Gutachten nicht in Wechselschichten arbeiten dürften, über ständige Gespräche beim Gesundheitswesen wieder in die Nachtschicht zu drängen. „Ich habe Patienten mit Schlafstörungen, die eigentlich nur einschichtig arbeiten können, die aufgrund von Sekundenschlaf auf der Heimfahrt von der Nachtschicht schon Unfälle gebaut haben.“

Das Integrationsamt

Der Kaufunger Psychotherapeut berichtet ferner, dass beim Landeswohlfahrtsverband in Kassel schon extra eine „Task Force“ eingerichtet worden sei wegen der vielen Fälle bei VW. Das bestätigt der LWV, der für die Integration von Schwerbehinderten in die Betriebe mitverantwortlich ist, nicht. „Wir haben keine Task Force“, sagt Sprecherin Elke Bockhorst auf Anfrage der HNA. Weiter wollte die Sprecherin sich nicht äußern.

Das Werkmanagement

Dass zunehmend Gespräche zwischen Schwerbehinderten und Gesundheitswesen über deren Rückkehr in die Nachtschicht stattfänden, verneint Werksprecher Heiko Hillwig. „Das ist nicht der Fall“, sagt er. Und: „Die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen gehört für uns zur gesellschaftlichen Aufgabe, Inklusion ist bei Volkswagen als Bestandteil der Unternehmenskultur festgeschrieben. Wir engagieren uns deutlich über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus.

Der Betriebsrat

Carsten Bätzold, Betriebsratschef in Baunatal will zu Einzelfällen nichts sagen. Und: Erkenntnisse darüber, dass es inzwischen mehr dieser Fälle im Werk gebe, existierten nicht, sagt er. Generell kümmerten sich die Schwerbehindertenvertretung und der Betriebsrat im Werk um jeden einzelnen dieser Mitarbeiter. Bätzold verneint entschieden, dass Schwerbehinderten im Werk die Schichtzulagen weggenommen werden sollen. Das sei schließlich Teil des Tarifvertrages. „Es gibt keine Jagd auf Leute, die ihre Schichtzuschläge verlieren sollen.“

Größter Arbeitgeber der Region: Das Volkswagenwerk Kassel in Baunatal. Hier arbeiten 16 600 Menschen.

Anteil der Schwerbehinderten im VW-Werk liegt bei neun Prozent

Das Werkmanagement im VW-Werk Kassel in Baunatal nennt einige Daten zur Integration von Schwerbehinderten in den Arbeitsprozess: So habe im Jahr 2017 der Anteil schwerbehinderter Menschen und ihnen Gleichgestellter im Werk Kassel gemessen an der Gesamtbelegschaft bei mehr als neun Prozent gelegen, betont Werksprecher Heiko Hillwig. 

Der Anteil sei damit deutlich über der gesetzlich vorgeschriebenen Quote von fünf Prozent. „Der Einsatz von circa 65 Prozent der schwerbehinderten Menschen in der Fertigung zeigt, dass wir über umfassende Erfahrung bei der Bereitstellung spezieller Arbeitsplätze für leistungsgewandelte Mitarbeiter verfügen.“ Der Werksprecher verweist dabei auf eine Auszeichnung durch das Land Hessen. „Wegen unseres vorbildlichen und langjährigen Engagements sowie der Beschäftigung und Integration schwerbehinderter Menschen ist Volkswagen Kassel im Jahr 2015 vom hessischen Sozialministerium mit dem Inklusionspreis ausgezeichnet worden.“ 

Und wie sehen die Kriterien bei der Arbeitplatzgestaltung aus? Hillwig: Es erfolge ein fähigkeitsgerechter Einsatz behinderter Mitarbeiter entsprechend ihrer individuellen körperlichen, geistigen und seelischen Fähigkeiten immer unter Berücksichtigung fachärztlicher Befunde, die der jeweilige Mitarbeiter dem Werkarzt zu einem „vertraulichen Arzt-Patienten-Gespräch“ vorlege.

Zum Umgang mit Kranken bei VW: Kommentar von HNA-Redakteur Sven Kühling: Urteilen über Krankheit kaum möglich

Rubriklistenbild: © Kühling

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