60 Tonnen schwere Loks in Baunatal

VW-Werk Kassel: 600 Meter lange Züge fahren Tag und Nacht

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Konzentrierter Blick auf die Funkfernbedienung: Lokrangierführer Dirk Wackerbarth (52) fährt die Werklok von diesem Tritt am Kopf des Fahrzeugs.

Baunatal. Auf dem Gelände des VW-Werks Kassel in Baunatal werden 60 Tonnen schwere Loks für die Logistik eingesetzt. 

Lokrangierführer Dirk Wackerbarth hat einen kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Kasten umhängen. Darauf sind eine Art Joystick und mehrere kleinere Schalter. Eine knappe Bewegung am Stick und der 770 PS starke Dieselmotor der werkseigenen Rangierlok brummt lauter. Wie von Geisterhand setzt sich die 60 Tonnen schwere Lok, Baujahr 1974, auf dem Gelände des VW-Werks in Bewegung. Der Arbeitsplatz des 52-Jährigen ist nicht, wie man zunächst vermuten möchte, im Führerstand der Lokomotive, sondern im Freien. Am Kopf der Lok.

„Wacki“, wie ihn seine Kollegen nennen, steuert das riesige Fahrzeug von einem kleinen, durch ein Gitter geschützten Tritt von außen mit der Funkfernbedienung. Bei Minustemperaturen und eisigem Wind im Winter genauso wie an heißen Sommertagen.

Volle Konzentration

Die Fahrt mit dem bis zu 600 Meter langen Güterzug durch das Areal in Baunatal erfordert stets volle Konzentration. Nicht nur der besseren Sicht wegen ist der Lokrangierführer ganz vorne, er hat während der Fahrt noch andere Aufgaben. So muss er Weichen stellen, Tore vor den Hallen öffnen und dort für Sicherheit sorgen, wo die Schienen auf dem Werkgelände Straßen kreuzen. Vor allem vor den Weichen muss er von seinem Platz am Kopf der Lok steigen, diese betätigen und dann sofort wieder zurück. Vor jeder Schicht wird das riesige Fahrzeug überprüft, vom Ölstand bis zur Funktion der starken Bremsen.

15 Meter lang ist einer der Waggons, bis zu 40 davon zieht oder schiebt die Lok. Wegen der Länge des Zuges ist stets ein zweiter Mann an Bord. Zieht die Lok, ist der Lokrangierführer vorn und sein Kollege auf dem letzten Waggon. Im Schiebebetrieb ist es umgekehrt. Beide Kollegen sind stets per Funk miteinander verbunden.

Das dient der Sicherheit, die ohnehin groß geschrieben wird. Nicht nur Sicherheitsschuhe, Schutzkleidung in Warnfarben und der Helm sind obligatorisch. Die Mitarbeiter auf der Werklok müssen auch ein hohes Verantwortungsbewusstsein und entsprechende Charaktereigenschaften haben. Das ist für Dirk Dorfmeister, Leiter von Versorgungslogistik/Transport bei VW Kassel, ein ganz wichtiges Thema. Schon bei der Einstellung werde auch darauf geachtet. Und natürlich muss ein Lokrangierführer auch körperlich fit sein. Regelmäßige Gesundheitschecks sind vorgeschrieben. Der Lokrangierführer braucht nicht nur einen Lokführerschein und muss eine Rangierprüfung absolviert haben, es gibt eine Einarbeitungszeit von zwei bis drei Jahren, bis er auf die Lok darf.

Sicherheit enorm wichtig

Gefahren wird im VW-Werk in drei Schichten. Insgesamt arbeiten 22 Lokrangierführer bei VW in Baunatal. Die Arbeit ist nach dem sogenannten Taxiprinzip organisiert. Die Züge fahren je nach Bedarf zwischen den Werkhallen. Im Westen des Areals, an der Halle 1, befindet sich die Leitzentrale der Werkeisenbahn, erläutert Eisenbahnbetriebsleiter Kurt Reinmold. Hier übernehmen Lokomotiven der Deutschen Bahn die Waggons und ziehen sie durch Baunataler und Kasseler Gebiet zum Rangierbahnhof unterhalb des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe. Von dort geht es weiter zu den einzelnen VW-Werken. An Bord haben die Waggons vor allem Getriebe und Original- und Pressteile. Sieben Züge verlassen pro Tag das Werk, ebenso viele fahren ein. Das sind 250 bis 300 Waggons. Die VW-Loks fahren nur auf dem Werkgelände.

Anders als in anderen Abteilungen gibt es im Fahrbetrieb so gut wie keine Fluktuation, weiß Dorfmeister. Ein Lokrangierführer hat einen harten, aber abwechslungsreichen, interessanten Arbeitsplatz. Einmal auf der Lok – immer auf der Lok. Das sieht auch Dirk Wackerbarth so. Er ist seit 1989 bei VW, zunächst als Rangierer, seit 2000 hat er den Lokschein.

Was macht ein Lokrangierführer in seiner Freizeit? „Alles, was mit Bewegung zu tun hat“, sagt „Wacki“. Er treibt viel Sport und macht Rückenschule. Zum Ausgleich und für die Fitness. Bevor er erneut zur Lok geht. Für die nächste Acht-Stunden-Tour – bei Regen wie bei Sonnenschein.

Hintergrund

27 Kilometer Gleise auf dem VW-Areal

• Die Gleise für die Güterzüge auf dem VW-Werkgelände sind 27 Kilometer lang. Auf der Strecke gibt es 66 Weichen, davon werden 25 elektrisch gestellt und 41 manuell betätigt.

• Die VW-Züge fahren nur auf dem Werkgelände. Am Ausgang überehmen Loks der Deutschen Bahn die Waggons und befördern sie zum Rangierbahnhof nahe des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe. • Die VW-Flotte verfügt über fünf Lokomotiven mit Dieselmotoren. Alle sind mit Funkfernsteuerung ausgerüstet. Ihre Motoren sind zwischen 709 und 770 PS stark. • Das Betriebspersonal besteht aus zwei Instandhaltern, einem Lokschlosser, 22 Lokrangierführern und einem Rangierführer. • Täglich verlassen mindestens 125 Waggons das Werksgelände, genau so viele kommen dort an. • Die Züge fahren mit einer Geschwindigkeit von bis zu 25 Kilometern pro Stunde über das Werkgelände. An gefährlichen Stellen – etwa Kreuzungen mit Straßen, auf denen Lastwagen fahren – bremsen sie auf fünf Kilometer pro Stunde ab.

• Auf dem Gelände fahren ausschließlich Loks, die von Menschen gesteuert werden. Autonom fahrende Züge gibt es dort nicht. 

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