Behinderte soll Reisekosten für Pfleger selbst zahlen

Baunatal. Sina Borowski hatte sich so richtig auf ihre Tour an die Nordsee bei Heemskerk in Holland gefreut. Nach fünf Jahren wollte sie mal wieder in den Urlaub fahren.

Weil sie erheblich behindert ist und im Rollstuhl sitzt, muss die 21-jährige Baunatalerin einen Betreuer von ihrem Pflegedienst mitnehmen. Doch den Antrag auf Urlaubsassistenz, sprich: die Übernahme der Reisekosten für den Pfleger, lehnte der Landkreis Kassel ab.

Enttäuscht: Sina Borowski hält den Ablehnungsbescheid des Landkreises in den Händen. Foto: Kühling

Bei der Planung der einwöchigen Fahrt sei sie davon ausgegangen, dass die Reisekosten (Hotel insgesamt 300 Euro) vom Sozialamt übernommen werden, sagt die VW-Auszubildende im dritten Lehrjahr. „Schließlich kann ich von meinem Ausbildungslohn nicht zwei Reisen bezahlen. Das Geld geht schon fast alles für die Miete meiner Wohnung drauf“, sagt Borowski, die ihre Lehrstelle vor zwei Jahren auch aufgrund der Berichterstattung in der HNA bekommen hatte. Trotz eines guten Realschulabschlusses (Note 1,6) und mehr als 100 Bewerbungen hatte sie zuvor keinen Erfolg.

Mehr zu dem Fall:

Im September 2010 berichtete die HNA bereits über Sina Borowski

Ihre Sachbearbeiterin beim Sozialamt des Kreises habe ihr dazu geraten, den Antrag auf Urlaubsassistenz zu stellen, berichtet die junge Frau. Doch am 24. Juli, einen Tag nachdem sie per E-Mail den Antrag gestellt hatte, flatterte die Ablehnung bereits ins Haus. Die Urlaubsassistenz stelle keinen so genannten Bedarfsbestand der Eingliederungshilfe dar, „sodass eine Kostenübernahme ausgeschlossen ist“, heißt es in dem Schreiben des Sozialamtes.

So werden nach Angaben der Auszubildenden nun lediglich die Arbeitsstunden des Betreuers während der Reise übernommen. Hotel, Fahrkosten, Eintrittskarten und vieles mehr blieben an ihr hängen.

Für Landkreis-Sprecher Harald Kühlborn ist die Sache eindeutig. Die Kosten für eine Urlaubsassistenz übernehme das Sozialamt nur in extremen Ausnahmefällen, sagt er. Das sei im Sozialgesetzbuch eindeutig geregelt. Zum Beispiel springe man ein, wenn ein Behinderter ansonsten gar keine Kontakte zur Gesellschaft habe. Das sei aber bei der Baunatalerin nicht der Fall, weil diese ja einen Ausbildungsplatz habe.

In den Urlaub starten will Sina Borowski auf jeden Fall. Und einen Helfer mitnehmen, das muss sie. Sie könne im Tagesablauf kaum etwas allein erledigen, sagt sie. Der Pfleger müsse sich beispielsweise um sämtliche Mahlzeiten kümmern, den Rollstuhl schieben, Toilettengänge organisieren.

Und wie finanziert die Baunatalerin nun die Tour für ihren Begleiter? Borowski: „Ich habe mir das Geld zusammengeliehen.“

Von Sven Kühling

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